Geschrieben für nicht-Kuba-Kenner,
viele Erklärungen sind für die Profis hier selbstredend überflüssig,
aber vielleicht tummeln ich ja auch einige Anfänger hier im Forum, und
ausserdem: eine gekürzte Forumsversion kriege ich in absehbarer Zeit
nicht hin. Wems zu lang ist: einfach wegzappen...
Kuba…! Nach langen Vorbereitungen,
Gesprächen mit ”erfahrenen” Freunden – Kubatouristen und Kubanerinnen -
, nach der Lektüre von drei Reiseführern und Intensivem Studium
verschiedener Internetquellen, nicht zuletzt Kubaforum.com, ist jetzt
der Augenblick gekommen, wo das Erleben aus zweiter in erste Hand
übergeht.
Die ersten Minuten, die ersten Stunden ein bisschen wie erwartet, und
doch ganz anders. Der erste Schreck darüber, dass wir
(42,42,20,19)offenbar im Gegensatz zu allen anderen Touristen in unserem
Flieger kein Visum haben ( die Passagen darüber muss ich wohl überlesen
haben) wird abgelöst durch die Erleichterung, dass es einen kleinen
Schalter gibt, an dem ein freundlichen Kubaner uns erklärt, dass wir
hier Visa für 15 CUC kaufen können. Dafür verschwindet er nach wenigen
Minuten, wird aber von einer freundlichen Kollegin für uns gesucht und
nach 10 Minuten gefunden. 30 Min später haben wir die Visa in der Hand,
haben die ersten 800 Euro in Fidel Castro Gedenkscheine, genannt Peso
Convertible (=CUC), umgetauscht, sind unbehelligt an der Kontrolle
vorbei und atmen die milde Subtropenluft ein, warm und feucht. Der
Taxifahrer verlangt 25CUC, die Energie nach 24 Stunden Reise reicht noch
zum verhandeln auf 20, unterstützt vom demonstrativen Weggehen.
Erträglich, auch wenn die „unverbindliche Preisempfehlung“ der
Reiseführers bei 15-17 liegt. Der Taxifahrer nimmt noch zwei
dunkelhäutige Freunde mit. Noch unwissend um die Transportverhältnisse
in Kuba wittern wir die erste Bedrohung, warum sollte er sonst
Verstärkung mitnehmen?!?. Der Verdacht wird doch weniger, je mehr wir
uns dem Stadtzentrum nähern. Auch wenn es schon dunkel ist, gibt die
Fahrt erste Eindrücke: Slalom um tiefe Schlaglöcher, 3-fach besetzte
Fahrräder, die ersten der berühmten Straßenkreuzer aus den 40er und 50
er Jahren werden staunend zur Kenntnis genommen.
Quartier/Gastgeber:
Angekommen am Ziel sehen wir sehr zweifelnd auf die angegeben Adresse:
Die Hausfassade grau in grau, der Putz nicht bröckelnd sondern eher
brockenweise stürzend, die Treppe kaum beleuchtet, die Stufen zum Teil
abgebrochen, lose Kabelbäume.
Der Kontrast wenige Sekunden später kann nicht größer sein: Die Wohnung
ist freundlich und hell, liebevoll eingerichtet.
Von unseren Gastgeberinnen M. (46) und Tochter G. (24) werden wir mehr
als herzlich begrüßt. Schnell finden wir heraus, dass Christine und ich
das Schlafzimmer der Mutter einschließlich Bad und Mona und Nico
Giselles Zimmer bewohnen werden. Unsere Gastgeber/Vermieter werden sich
für die Dauer unseres Aufenthaltes mit dem oberen kleine Wohn/Esszimmer
mit winzigen Kabuff mit Klo und Duschschlauch bescheiden. Geschäftssinn?
Gastfreundschaft? Das eine schließt das andere in Kuba nicht aus, lernen
wir im Laufe der Zeit, auch Bekannte/Freunde lassen sich für manche
Dienste für westliche Touristen gut bezahlen. Aber Bezahlung für
Dienstleistungen muss keineswegs freundschaftlichen Bindungen im Wege
stehen. Zwischen den beiden Frauen, angeheiratete Tante und Cousine
einer kubanischen Freundin in Sønderborg, und uns entwickelt sich bald
ein enges freundschaftliches Band. Wir laden sie ein ins Casa de la
Musica Galiano zu einer der (auch international) berühmtesten Band
Kubas: Los Van Van. Ein für normale Kubaner fast unerschwingliches
Ereignis zum Preis von 25 CUC pro Person, ca. 2-3 kubanische
Monatslöhne. Beide kommen zum ersten Mal ins Casa de la Musica, nur 5
Blöcke von ihrem Zuhause entfernt, und sehen ihre Lieblingsband zum
ersten Mal live. Die Einladung wird, wenn auch erst nach erheblichem
Zögern, dankbar angenommen, wohl nicht zuletzt durch Christines
Insistieren, dass uns das Konzert ohne sie bestimmt nur halb so viel
Spaß machen würde. M. revanchiert sich mit der Einladung zu zweimal
Abendessen und einmal Frühstück, was sie ansonsten für eine moderate
Bezahlung für uns zubereitet. Ûberhaupt sind wir für die kleine Familie
Vollzeitbeschäftigung, das Organisieren der Nahrungsmittel, zu der auch
der Hausfreund und Nachbar gelegentlich herangezogen wird, ist offenbar
eine Zeitraubende Aufgabe, zumal die Versorgungslage in Havanna laut
unseren Gastgebern und auch anderen Quellen wesentlich schlechter ist
als im Durchschnitt der letzten Jahre. Davon merken wir als Gäste doch
so gut wie nichts: Der Tisch ist jeden Abend reich gedeckt mit frischem
Salat in verschiedensten Variationen und typisch kubanischen Gerichten
einschließlich illegal beschafftem Fleisch. Das Essen Tag um Tag ein
Genuss und straft alle Vorwarnungen über die eintönige, geschmacksarme
kubanische Küche Lügen. (Die lernen wir allerdings bei späteren
Gelegenheiten kennen).
Die Lage unseres Quartiers ist Traumhaft: direkt am Malecon gelegen,
nicht weit von der Hafeneinfahrt, mit wunderbarem Blick über die gesamte
Atlantikpromenade des alten Havanna und auf den offenen Atlantik.
Auch wenn wir die meisten Tage schönes Wetter haben, erleben wir doch
während eines kleinen Nachzüglersturms, wie es ist, wenn der Atlantik
seine Zähne zeigt. Die Gischt spritzt meterhoch über die Brüstung, mit
großen Wellen schwappt reichlich Wasser auf die Promenade und auf die
Strasse.
Einen Tag lang kann man die Seeseite des Malecon nicht benutzten ohne
durch und durch nass zu werden. Diese Tage geben uns eine leise Ahnung
davon, wir Hurrikan Wilma, nur 3 Wochen vor unserer Ankunft, gewütet
haben muss. Eineinhalb Tage stand das Wasser bis zu einem Meter hoch in
den Wohnungen des Malecon und der angrenzenden Strassen, beträchtliche
Teile der Mauer und des Straßenbelags waren weggespült. An einigen
Stellen wird noch gebaut, aber ein Grossteil ist repariert, die Löcher
gestopft und die Strasse neu asphaltiert.
Die sanitären Verhältnisse sind für uns verwöhnte Europäer etwas
gewöhnungsbedürftig: Das Warmwasser in der Dusche wird direkt am
Duschkopf erwärmt, ein notdürftig isoliertes Kabel führt den 110 Volt
starken Strom dorthin. Diese Konstruktion gibt jedoch nach einigen Tagen
unter heftigem Qualmen und Funkensprühen den Geist auf. Die
Außentemperaturen (zwischen 18 und 30 Grad) lassen das Kaltduschen doch
klar als das kleinere Übel erscheinen im Vergleich zu einer erneuten
Inbetriebnahme dieser Höllenmaschine. Die Toilette ohne Brille –
offenbar ein entbehrbarer Luxus - das Toilettenpapier muss wegen des
alten Kanalisationssystems im Eimer nebendran entsorgt werden.
Im Laufe der 10 Tage, die wir mit
unseren Gastgebern zusammen verbringen, erleben wir zwei leichte bis
mittelschwere Beziehungsdramen (1 Mutter, 1 Tochter), verbunden mit
langen abendlichen Gesprächen. Dies, der Kontakt zwischen den fast
gleichaltrigen „Kindern“, und insbesondere Christines warmherzige,
offene und engagierte Art, so gar nicht nordeuropäisch, führt zu einem
freundschaftlich-familiären miteinander. Die Mahlzeiten werden zusammen
eingenommen, Pläne geschmiedet, Abendprogramme werden gemeinsam geplant,
und zum Schluss ist es unserer Gastgeberin fast peinlich uns den vorher
abgemachten (und mehr als angemessenen) Preis abzuverlangen. Los Locos
Danesos – die verrückten Dänen – wird schnell zu unserem liebevoll
gemeinten Spitznamen. Der Abschied nach 10 gemeinsamen Tagen fällt allen
nicht leicht.
Das mit den Männern und den
Frauen:
Nachdem Christine und ich aus dem Alter raus sind, wo lange Blicke
nachgeworfen werden, sich die Menschen auf der Strasse die Hälse
verrenken, dreht es sich hier vor allem um die jüngere Generation. (Mein
„Erfolg“ auf diesem Gebiet beschränkt sich auf den kurzen Moment wo ich,
100 Meter entfernt von meiner Familie, neben Cigarros und Restaurante
auch eine Chica angeboten bekomme, ein Angebot, das ich nicht etwa
meiner männlichen Ausstrahlung sonder nur dem vermuteten Inhalt meiner
Geldbörse zu verdanken habe.)
Unsere Annahme, das unsere blonde, schlanke, für kubanische Verhältnisse
relativ hochgewachsene Tochter Blicke der jüngeren männlichen
Bevölkerung inklusive Kommentare wie „hola chica“ oder „guapa“ auf sich
ziehen werde, wird natürlich nicht enttäuscht. Aber dass die Voraussage
unserer kubanischen Freundin aus Sønderborg eintrifft, nämlich dass wir
vor allem auf unseren Sohn Nico, 19, sportlich, gut gebaut, aufpassen
müssen, das überrascht uns schon. Es beginnt schon im Haus, wo sein
Erscheinen aus der Dusche, nur mit Handtuch bekleidet, Applaus und
aufmunternde Kommentare unserer beiden Gastgeberinnen auslöst. Es setzt
sich fort auf der Strasse, wo Mädchen und Frauen verschiedener
Generationen mit anerkennenden Blicken und Kommentaren nicht geizen,
eine ältere Dame, wenn auch gezeichnet von einer psychischen Erkrankung,
muss ihrer Begeisterung mit einer spontanen Umarmung und Wangenkuss
Ausdruck verleihen. Auf den Tanzflächen sind beide, trotz begrenzter
Salsa-Könnerschaft, bei Gleichaltrigen begehrte Tanzpartner. Anmache mit
anzüglichen, kommerziell motivierten Angeboten bleiben uns erspart, wohl
deshalb, weil wir zumeist als Familie, z. T. auch mit unseren
kubanischen Freunden, unterwegs sind.
Salsa:
Die Erwartung an das Geburtsland des
Salsa wird nicht enttäuscht. Auch wenn wir überrascht feststellen, dass
es eine Minorität nicht tanzender Kubaner gibt, bewegt sich die Mehrheit
mit angeborener oder früh erlernter Grazie, Energie, Sensualität bis zum
kaum verhohlenen Ausdruck von sexuellen Inhalten. Salsa, wie Salsa sein
muss. Ein Vergnügen, Zuschauer zu sein, und eine Überwindung, sich
selbst auf die Tanzfläche zu wagen. Es gelingt doch, gelegentlich
anerkennende Blicke zu ernten, natürlich vor allem Christines Bewegungen
zu verdanken, die ihren Geburtsort Hamburg als einen Fehler der
Vorhersehung erscheinen lassen – eine lateinamerikanische Geburtsurkunde
erschiene in diesen Augenblicken mehr angemessen. Eine Runde Son,
getanzt mit meiner Tochter im Casa de la Trova zu Live-Musik, ruft ein
aufmunterndes Lächeln des betagten Tänzers neben uns hervor, als wolle
er seine Dankbarkeit darüber ausdrücken, dass dieser ruhige Vorläufer
des Salsa, welcher seit den 70er Jahren die Tanzflächen dominiert, bei
den jungen Leuten nicht ganz in Vergessenheit geraten ist, und offenbar
auch den Weg über den Atlantik nach Europa gefunden hat.
Die Tanzschule:
Mitten in Habana Centro, in einem Viertel in das sich kaum ein Tourist
verirrt, hinter einer (wie könnte es auch anders sein) mehr als
bröckelnden Fassade, tut sich m 1. Stock ein schöner, geräumiger
Tanzsaal auf, mit seinem Kachelfußboden und den Säulen an den Charme
einer längst vergangenen Kolonialzeit erinnernd. Die Tanzlehrerin führt
die Aufsicht, supervisiert, korrigiert sowie die Schüler, also uns,
sowie ihre Hilfskräfte: ihr Sohn und Nichten und Neffen im Alter
zwischen 16 und 28 Jahren. Jeder von uns bekommt einen kubanischen
Tanzpartner für die gesamte Doppelstunde. Der Unterricht ist intensiv,
Nico startet durch vom absoluten Anfänger bis zum erfolgreichen
Herumwirbeln seiner Tanzpartnerin nach fünf Doppelstunden, Mona erledigt
den Unterricht der Frühjahrssaison innerhalb der gleichen Zeit. Leider
bin ich selber zwei vom fünf Tagen krank, die verbleibende drei geben
mir zumindest die Klarheit, an was ich arbeiten muss.
Diskothek:
Kubanische Tradition ist es, entweder unter Freunden einen Kreis zu
bilden und sich wechselweise einzeln in die Mitte zu begeben und sich
selbst darzustellen, oder aber um einen auffallenden Tänzer/Tänzerin
einen Kreis zu bilden, um ihm Raum und Aufmerksamkeit zu geben. Im
Gegensatz zu unseren Breitengraden stellt man sich gerne zur Schau. Die
körperlichen Reize sind schließlich dazu da um gezeigt zu werden!! Was
nützt es schon, wenn ich der Schönste und Beste bin, wenn´ s keiner
mitkriegt!
Neues wird gerne gesehen. Nico mit seinem äußerst eigenwilligen
Techno-Tanzstil wird umringt, nach wenigen Minuten kommen die ersten
Kopierversuche, bald ziemlich erfolgreich. Reisender, kommst du jetzt
nach Kuba wirst du schon vielerorts diesen in Kuba neuen Stil bewundern
können.
Straßenhändler und andere Touristenfallen:
Der nach ausgiebigem Studium von Berichten anderer Kubareisender
gewählte Grundsatz: „halte Dich von allen fern, die sich selbst
anbieten, wenn du nicht weiterweißt suche eine eher schüchtern
aussehende Person, eher weiblich, eher älteren Jahrgangs“, bewährt sich.
Die Standardeinleitung „Hello my frrrend”…” wherre arre yu frrom?”...”Bjutiful
cantrry, I have a cousin there”…”Yu like Cuba?”... “Yu wont to buy
Cigarrs“… „Yu wont a restaurant“…., wird freundlich lächelnd, mit kurzen
Kommentaren wie gracias, no fumo (Danke, ich rauche nicht) oder gracias,
hemos comido (Danke, wir haben schon gegessen) o.ä. abgewehrt. Meist
trennt man sich schnell mit einem Lächeln. Natürlich passiert es auch,
dass man auf ein an der Brusttasche angeheftetes Namensschild auf
hellblauem Kragenhemd hereinfällt, nach einer Bank fragt, eine
ungefragte Führung von 10 min bekommt, gewürzt mit Angebot für Zigarren,
Restaurants und einem Aufenthalt in der berühmten Hemmingway-Bar. Nach
zwei geschlossenen Banken ist diese Führung nur durch energisches
Auftreten und das Zahlen von 2½ CUC zu beenden.
Es gibt jedoch auch ernsthafteres zu berichten: In Trinidad treffen wir
zwei Dänen mittleren Alters, denen von drei mitgenommen Anhaltern ein
beträchtlicher Teil des Gepäcks einschließlich Brieftasche mit Bargeld,
Pass und Kreditkarten unter der Fahrt aus dem Kofferraum gestohlen
wurde, das ganze wurde hochprofessionell abgewickelt und von den beiden
erst bei Ankunft an ihrem Zielort bemerkt, lange nachdem sie ihre
„Tramper“ abgesetzt hatten.
Die Unterscheidung, wann mit Pesos Cubanos und wann mit Devisen, also
CUC zu zahlen ist, ist für einen Nichteinheimischen schier unmöglich.
Klar ist, dass aller Straßenverkauf an Ständen oder in Häusern mit „fast
food“ mit Moneda Nacional“ bezahlt werden kann. Genauso klar ist, dass
alle Angebote für Touristen (Hotel inkl. Bar, Taxi, Museen) nur CUC
entgegennehmen. In Geschäften wartet man so lange, bis man einen Kubaner
bezahlen sieht, wenn sogar er mit CUC rausrücken muss, muss ich nicht
fürchten, aufgrund meiner Hautfarbe das 24fache zu bezahlen. Aber für
Restaurants, Paladares, Bars außerhalb der Touristenhotels gab es für
mich keine erkennbare Regel, das Befragen unserer kubanischen Freunde
war auch nicht weiter hilfreich. Glücklicherweise war dieses Problem für
uns so gut wie ohne Bedeutung durch die hervorragende Versorgung in
unserem Casa Particular (kubanischer Name für Privatquartier).
Beim Taxi fahren werden viele Chauffeure einen festen Preis vorschlagen,
der in der Regel 20% über dem Taxameterpreis liegt. (Nachdem alle
angestellt sind, keiner auf Provision fährt gehen diese Pesos direkt in
die eigene Tasche). Durch zähes Verhandeln lässt sich oft ein Preis ca.
20% unter dem regulären Fahrpreis erzielen. Schlechtes Gewissen ist hier
unangebracht, es ist immer noch Reingewinn für den Taxifahrer. Es
empfiehlt sich also, die ersten Male auf Taxameter zu bestehen, um eine
Einschätzung der Preise zu bekommen.
Auch wenn die Preise generell gelegentlich insbesondere gemessen am
dortigen Lebensstandard völlig unangemessen hoch erscheinen, liegen sie
doch in der Regel 10-50% unter Mitteleuropäischen Preisen – bei
zugegeben sehr wechselndem Preis-Leistungsverhältnis. Die
Eintrittspreise für staatliche Einrichtungen, z.B. Museen sind
konsequent differenziert, Touristen zahlen in etwa das gleiche in CUC
wie Kubaner in Pesos Cubanos – für mich ein akzeptabler Akt
ausgleichender Gerechtigkeit. Alles in allem habe ich das Gefühl, mit €
1.350 pro Person für 18 Tage inkl. Flug bestimmt nicht zu viel für
diesen Urlaub ausgegeben zu haben.
Reisen auf Cuba:
Die Fortbewegung auf Rädern in Kuba ist für uns verwöhnte Mitteleuropäer
abenteuerlich. Selbst in der Metropole Havanna mit 2,2 Millionen
Einwohnern ist die Verkehrsdichte niedrig, verglichen mit europäischen
Großstädten. In manchen Vierteln kann man zwei bis drei Blocks gehen,
ohne ein Auto zu sehen. Selbst im den Stosszeiten gibt es keine Staus.
Die fehlende Masse wird aber durch den Lärm und besonders den Gestank
der vorhandenen Vehikel mehr als wettgemacht. Immer noch besteht ein
beträchtlicher Teil des kubanischen Fuhrparks aus amerikanischen Autos
aus den 40er und 50er Jahren, einige europäische Oldtimer sind auch
dabei.
Dann sind viele Lada und Moskwitsch aus den 70er und 80ern unterwegs.
Viele von diesen Autos wären hierzulande vom TÛV schon vor 20 Jahren aus
dem Verkehr gezogen worden. Autos, die jünger als 10-15 Jahre sind
gehören hauptsächlich Diplomaten oder sind Leihwagen. Linienbusse und
Lastwagen sind schnaufende Dreckschleudern, die bei uns seit 25 Jahren
im Museum stünden oder auf dem Schrottplatz gelandet wären, Busse immer
hoffnungslos überfüllt, die Türen oft nur an einer Angel hängend. Viele
Lastwagen werden, ob mit oder ohne Bänke auf der Ladefläche, zum
Personentransport herangezogen. Alles was Räder hat, wird bis an die
Grenze des möglichen beladen: kaum ein Fahrrad, auf dem nicht mindestens
zwei, oft drei Kubaner sitzen, kaum ein privates Taxi in dem sich nicht
6-8 Menschen zusammenquetschen.
Eine unserer Reisen auf Kuba sollte uns
von Havanna nach Pinar del Rio führen, ca. 160 Kilometer, um von dort
aus die wunderbare Landschaft von Valle de Viñales zu erkunden. Der
Freund der Tochter unserer Gastgeberin, Jose, hatte sich bereit erklärt,
uns für den Preis von 60 CUC dorthin zu bringen in einem für dortige
Verhältnisse sehr ordentlichen Peugeot 405, vielleicht 12 Jahre alt. Bei
genauerem Hinsehen am Morgen fielen zwar ein fehlender Scheinwerfer,
diverse Beulen und ein defekter Tacho auf, auch die Stossdämpfer zeigten
sich beim Fahren als dringend auswechselungsbedürftig, aber für Kuba und
für nur 6 Personen immer noch eine recht luxuriöse Art des Reisens (wenn
man die vollklimatisierten Touristenbusse und die nagelneuen, aber
unverschämt teuren Leihwagen mal außen vor lässt).
Die Autopista, Kubas Stolz als einzige Autobahn des Landes und
wichtigste Ost-West-Verbindung entspricht nicht ganz unseren Vorstellung
einer Schnellstrasse: Gelegentlich Schlaglöcher einer Größe und Tiefe,
die die Umrundung nahe legen, Mofas, Fahrräder und Pferdegespanne auf
der Strasse, durchaus mal die Gegenfahrbahn benutzend, scharenweise
Kubaner, besonders unter Brücken und an Ausfahrten, die auf einen Lift
hoffen, Straßenverkäufer die hausgemachten Käse oder Kuchen anbieten,
mit langen geflochtenen Knoblauchketten am Straßenrand stehen,
vereinzelt gibt es auch fertig gerupfte Hühner zu kaufen.
Nach etwa 50 km tut es einen Schlag als Ursache stellt sich ein
geplatzter Hinterreifen heraus. Nicht ganz zufällig wie sich zeigt,
dieser Reifen hat wohl das mindestens das gleiche Alter wie das Auto.
Reservereifen? Fehlanzeige. Mit Hilfe unserer Handys erreicht Jose einen
Freund, der wird gleich mit einem Reserverad vorbeikommen, kein Problem.
Als nach über zwei Stunden noch keine Hilfe in Sicht ist, gelingt es den
drei Damen, ein Auto mit spanischen Touristen anzuhalten und bis zur
nächsten Raststätte mitzufahren. Nach knapp drei Stunden taucht der
Freund mit seinem vollbesetzten Lada auf, im Kofferraum nichts anderes
als sein eigenes Reserverad, das Bösartigerweise nicht auf Joses Peugeot
passen will. Kurz darauf verschwindet der Lada mit Freunden wieder, nun
unseren kaputten Reifen im Gepäck, um gleich wiederzukommen, kein
Problem, höchstens eine halbe Stunde. Nachdem wir von der Mittagshitze
und der kubanischen Zeitrechnung genug haben, verlegen Nico und ich uns
(nach einem vergeblichen Versuch, ein Taxi zu bestellen) auf Autostopp.
Ein Familie mit Vater, Mutter, Onkel, zwei Kindern und riesiger
Geburtstagstorte im Kofferraum, als Gefährt ein russischer Jeep aus den
50erm oder 60ern, hält an, rückt zusammen und erklärt sich bereit, uns
bis zur nächsten Raststätte mitzunehmen. Kaum im Auto erfahren wir per
SMS dass die drei Damen einen Lift nach Pinar del Rio bekommen haben
(ein deutsches Touristenpaar). Die Familie erklärt sich problemlos
bereit, uns bis zu ihrem Zielort, glücklicherweise auch Pinar del Rio,
mitzunehmen. So brettern wir unserem Ziel entgegen,
Spitzengeschwindigkeit 70km/h, die Rumflasche kreist (Fahrer
ausgenommen), wir nehmen dankend an, die Stimmung ist gut, und nach kaum
zwei Stunden ist Pinar erreicht. Wir bedanken uns mit freundlichen
Worten und 20CUC zur beidseitigen vollsten Zufriedenheit.
Für den weiteren Transport hat der
Freund unserer Gastgeberin gesorgt, nachdem sein Auto kaputt ist, hat er
einen Freund organisiert, der uns für 100CUC zwei Tage zur Verfügung
steht und uns am nächsten Tag ohne Zwischenfälle nach Havanna
zurückbringen wird. Das Gefährt: Ein hellblauer Dodge mit weißem Dach,
fast frisch gestrichen, Baujahr 1950, mit einem Wolga-Motor aus den
70ern, also fast neu.
Auch wenn ein Fenster nur angeklebt
ist, die Innenverkleidung sich im Laufe der Jahre völlig aufgelöst hat,
und einige Türen nur von außen zu öffnen sind, vermittelt das Auto und
der Chauffeur, Marco, einen Vertrauen erweckenden Eindruck, der sich in
den folgenden 1½ Tagen bestätigt. Und es ist Platz genug für die
inzwischen auf sieben Köpfe angewachsene Reisegesellschaft. Die als
gefährlich verrufene, kurvige und bergige Strecke zwischen Pinar del Rio
und Viñales erledigt Marco souverän. 5 cm rechts zum Strassengraben und
6½ cm zwischen Außenspiegel und entgegenkommenden LKW reichen ihm völlig
für die zügige Weiterfahrt, ein kubanischer Ausdruck für
„Sicherheitsabstand beim Überholen von Fahrradfahrern“ existiert nicht,
also keine Fahrt für empfindsame Seelen.
Die nächste große Fahrt steht an
zwischen Havanna und Trinidad wo wir die letzten 6 Tage im Hotel am
Strand verbringen wollen.
Das Taxi zum Busbahnhof, diesmal ein Dodge von 1947, neu lackiert in
schönem Rotmetallic, verliert nach wenigen hundert Metern unter lautem
Scheppern ein Teil. Der Taxifahrer hält an, läuft zurück und beruhigt
die schon etwas besorgten Insassen: „Solo una luz“, nur eine Lampe sei
abgefallen.
Am Busbahnhof werden wir von den Compañeros eines Taxifahrers
abgefangen, wir bekommen ein Angebot zum gleichen Preis (d.h. 25 CUC pro
Person) in einem Citroën-Taxibus gefahren zu werden, Ankunft in Trinidad
ca. 2 Stunden früher als mit dem Reisebus. Nach anfänglichem Zögern
überzeugt uns der passable Zustand des Busses inkl. Reifen, das
Vorhandensein eines Reserverades und die Anwesenheit einer netten
dreiköpfigen finnischen Familie mit gleichem Reiseziel. Dass dies das
erste Auto mit funktionierendem Tacho ist, bestätigt mich in dem
Glauben, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Das Vertrauen
erweist sich jedoch als unbegründet, schließlich hat ein Auto mehr Teile
als Reifen, Tacho und Lichter: 70 km vor Trinidad gibt der Motor noch
kurzem Lärmen den Geist auf, nach meiner Laienauffassung Motorschaden,
vermutlich aufgrund einer kaputten Nockenwelle.
Diesmal helfen unsere Handys nicht, wir sind weit draußen, stehen
geblieben auf der Landstrasse zwischen Cienfuegos und Trinidad, genau
auf einer Brücke. Mobilfunknetz gibt es hier nicht.
Glücklicherweise gibt es einen kleinen Ort in Sichtweite. Der Fahrer,
insgesamt sehr wenig kommunikativ, verschwindet, um nach 30 min.
wiederzukommen und zu verkünden, ein Kollege sei in einem anderen
Kleinbus so gut wie unterwegs und sei sehr bald hier, kein Problem. Auf
meine Einwendung dass der ja wohl aus Trinidad komme, das seien 70 km
und würde bestimmt eine Stunde dauern, antwortet er empört, so lange auf
keinen Fall, das ginge viel schneller. Sprach´ s und verschwand, und
lässt seine skandinavische Touristenschar alleine beim Bus zurück. Als
eine knappe Stunde später ein Bus der anderen großen Busgesellschaft
anhält und uns für 25 CUC die Fahrt nach Trinidad für 7 Personen inkl.
Gepäck anbietet, zögern wir nicht lange, und nachdem uns der Fahrer für
einen kleinen Aufpreis direkt zum Hotel 10 km außerhalb von Trinidad
bringt, kommen wir doch noch fahrplanmäßig an. Der Taxifahrer muss sich
leider mit einem Bruchteil des erhofften Gewinns zufrieden geben,
immerhin ist die finnische Familie so freundlich, ihm die Hälfte ihres
Fahrpreises in den Bus zulegen, ich bin zu solchen Freundlichkeiten
nicht zuletzt wegen seines muffigen, extrem unfreundlichen Verhaltens,
nicht aufgelegt.
Kuba als Pauschaltourist – sechs Tage
all inclusive im Hotel Ancon
Ist das hier noch Kuba? Diese Frage drängt sich auf, kurz nachdem wir im
Hotel ankommen. Gelangweilte, langweilige Pauschaltouristengesichter,
ein gesichtsloses Ambiente, am ersten Abend im Restaurant gleichgültiges
Personal. Das Essen reichlich, aber bestenfalls mittelmäßig.
In den nächsten Tagen stellen sich dann doch auch die positive
Erlebnisse ein; Der Strand ist, wie vorher beschrieben, wunderbar mit
feinem weißen Sand und klarem Wasser, jeder kann in der ersten Reihe
liegen, und wer ein Fleckchen ganz für sich alleine haben will, muss
sich nur wenige hundert Meter vom Hotel entfernen.
Das Personal entpuppt sich als freundlich und bemüht, unterstützt von
kleineren Trinkgeldern hier und da. Nachdem eine Bedienung versehentlich
einen halben Teller Reis mit Bohnen über Monas Hose leert, entschuldigt
sich die Restaurantleitung mit einem Hummerschwanz, eine typisch
kubanische Delikatesse, die im all inclusive-Angebot nicht zu finden
war. Die 7-köpfige Hotelband, die zu 1-2 Mahlzeiten und gelegentlich zur
Abendshow aufspielt, macht ihre Sache gut und routiniert, auch wenn sie
fast immer das gleiche Repertoire von höchstens 10 Nummern abspielt. Es
zeigt sich doch, das das Spektrum durch gezielte Nachfrage erheblich
erweiterbar ist, fast alle Wünsche werden entweder gleich oder bei der
nächsten Gelegenheit erfüllt, fast immer mit einem Lächeln auf den
Lippen.
Die Shows am Abend, bestehend aus einer immer neu zusammen gewürfelten
Mischung aus Tanznummern (von ballettartigen Darbietungen über Cabaret
und Salsa bis zu afroamerikanischen Tänzen) Livegesang zu
Karaoke-Background und ebenjener Band werden zwar engagiert und
ernsthaft dargeboten, manchmal recht unterhaltsam, spätestens nach dem
dritten Abend hat man alle Bausteine gesehen. Aber für ein
3-Sterne-Hotel mittlere Größe geht das absolut in Ordnung. Mona und Nico
freunden sich bald mit den Jüngeren des Animationsteams an und
verbringen ein paar Abende gemeinsam entweder in der Bar oder der
hoteleigenen Diskothek.
Vor den Zimmern waren wir gewarnt, wir hatten den abgewohnten Charme der
späten 70er Jahre erwartet. Diese Erwartung wird auch in der ersten
Nacht im alten Teil des Hotels voll erfüllt. Am zweiten Tag werden wir
aber in den Neubau umquartiert, und hier lassen die Räume nichts zu
wünschen übrig: Geräumig, einigermaßen geschmackvoll eingerichtet,
schöne Bäder, gute Betten, gemütlicher Balkon.
Trotz dieser positiven Seiten vermissen wir bald das pulsierende Leben
des „richtigen“ Kuba, dieses Hotel, dieser Strand könnte ebenso gut auf
einer beliebigen anderen tropischen Insel liegen. Aber das ist ja wohl
auch das Wesen des Chartertourismus: Vorhersehbare Erlebnisse mit einem
Hauch von Lokalkolorit, aber letztlich beliebig austauschbar. Zwei
Abende in Trinidad im Casa de la Trova mit Livemusik und Möglichkeit zum
Tanzen bringen da erfreuliche Abwechslung.
Kuba – Politik, Wirtschaft,
Soziales
Dazu ist so viel geschrieben worden, dass ich kaum etwas nennenswert
Neues dazu beitragen kann. Auffällig ist natürlich der relativ hohe
Bildungsstandard, keine schwere Armut kein Hunger, die im Basisbereich
offenbar immer noch gut funktionierende Gesundheitsversorgung. Eine
dänische Krankenschwester, die sich im Rahmen eines Forschungsprojektes
in Havanna aufhielt zeigte sich ziemlich beeindruckt von dem was sie im
Primärsektor und in der Rehabilitierung gesehen hatte. Gemessen am
3.Welt-Standard, wozu sich Kuba immer noch zählt sicher weit
überdurchschnittlich.
Auf der anderen Seite die chronische Versorgungsknappheit auch bei
elementaren Dingen, die bei einer einigermaßen vernünftigen
Wirtschaftsweise in einem Land wie Kuba absolut unnötig wären.
Gearbeitet wird wenig, ineffektiv, viele Menschen sind mit wenig Arbeit
beschäftigt. Im Hotel waren z.B. zum Mittag- und Abendessen in der Regel
zwei Leute ausschließlich damit beschäftigt, den Gästen die Tür
aufzuhalten, teilweise aber so ins Gespräch vertieft, dass sie auch das
vergaßen. Dafür wird viel Zeit und Energie darauf verwendet, die
Mangelwirtschaft durch Erschließen von mehr oder weniger illegalen
Quellen und durch Pflegen von Beziehungen zu kompensieren, sich durch
Nebenjobs Teilhabe an dem Teil der Wirtschaft zu sichern, in der alles
mit Devisen bezahlt wird. Das Überleben ohne CUC scheint gerade so
möglich, aber selbst so elementare Dinge wie Kühlschränke, Seife etc.
sind für lokale Währung praktisch nicht zu bekommen.
Viele sind unzufrieden mit El Maximo Lider, auch wenn seine Popularität
sicher trotz allem noch weit größer ist als alle ehemaligen
osteuropäischen kommunistischen Staatschefs zusammen. Die Mehrzahl
derer, mit denen ich länger gesprochen habe, würde das Land lieber heute
als morgen verlassen, wenn sich die Möglichkeit böte. Che Guevara
übrigens genießt unverändert den Status eines Helden, seine Popularität
ist nahezu ungebrochen – Gnade des frühen „Märtyrertodes“.
Kuba – Insel der Sehnsucht?!?
Auch wenn wir in vielen Kommentaren von erfahrenen Kubareisenden lesen
konnten dass nichts in Kuba mehr so sei wie früher, dass alles
schlechter, die Menschen unzufriedener, geldgieriger, unfreundlicher und
betrügerischer geworden seien, wir nehmen vor allem aus den Begegnungen
mit den Kubanern viele positive Eindrücke mit nach Hause. Die viel
beschriebene Warmherzigkeit, Offenheit und Lebensfreude wird nicht
weniger wahr dadurch, dass sie immer wieder und bis zum Klischee
beschrieben worden ist. Diese arme, reiche Karibikinsel und ihre
Menschen strahlen eine Faszination auf uns alle vier aus, der wir uns
kaum entziehen können. Schon im Bus zum Flughafen in Havanna fangen wir
an, Kuba zu vermissen, und die 1°C bei Regen und eisigem Wind bei der
Ankunft in Hamburg sind auch nicht gerade geeignet, uns vom akuten
Kuba-Fernweh zu heilen.
Die nächste Kubareise ist nur eine Frage der Zeit – und des Geldbeutels…
Sie haben ebenfalls einen Reisebericht
über Kuba geschrieben und möchten, dass dieser hier veröffentlich wird ?
Dann posten Sie Ihren Reisebericht im Kubaforum dieser Seite und ich
bringe Ihn dann direkt in die Sammlung mit ein.