Bericht aus Cuba 

Mittlerweile ist jetzt bereits die Zeit vergangen, welche man üblicherweise so als Urlauber hier in Cuba verbringt. Und zu einigen Themen haben sich Fenster zu interessanten Einsichten geöffnet. Hier ein paar Beispiele. 


Casas particulares 

Es ist erstaunlich festzustellen, wie schnell sich manche Dinge ändern sobald bekannt wird, dass man längere Zeit hier bleiben wird. Die ehemaligen Vermieter der offiziellen "casas particulares", in denen man sonst seine 14 Tage gegen saftiges Entgelt gewohnt hat, reagieren zwar immer noch freundlich, aber man merkt schon, dass man als Klient nicht mehr infrage kommt und demzufolge weniger interessant ist. Andererseits wurde mir "Commission" angeboten für die Vermittlung von Touris. Hier in der Gegend ist der Tourismus derzeit fast völlig zum Erliegen gekommen. Von ehemals 12 registrierten casas haben nur noch 6 ihre Lizenz verlängern können. 


Beginnende Integration 

Andererseits eröffnen sich jetzt völlig neue Einblicke in die Zusammenhänge des hiesigen Zusammenlebens. Plötzlich ist man nicht mehr der Tourist. Es hat sich in unserem kleinen Dorf schnell herumgesprochen, dass der loco alemán jetzt hier wohnt und irgendwie dazu gehört. Wie schnell sich auf einmal einige Leute hier öffnen ist schon erstaunlich. Innerhalb weniger Tage bin ich eingeweiht in die kleinen und grösseren Geschäftchen der einen und des anderen. 
Inzwischen weiss ich auch, wer hier was verschiebt, wer mit wem ein Techtelmechtel hat, welcher Knabe Unzucht mit landwirtschaftlichem Nutzvieh getrieben hat, wer schon alles im Pfarrhaus gevögelt hatte und so weiter. Das Leben in diesem kleinen Kaff offenbart sich nun als eine Novella der besonderen Art. Und so manchem verliebten Touristen würden die Haare zu Berge stehen, wenn er wüsste, was hinter den Kulissen hier abgeht mit seiner "Novia". Was mir trotz meiner häufigen Besuche gerade in den letzten 2 Jahren verborgen blieb, das offenbart sich fast schlagartig mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit. 


Jineteras 

Vor allem die Mädchen und junge Frauen, von denen ich es zum grossen Teil bislang nichtmal vermutet hätte, entpuppen sich als Jineteras und reden jetzt mit mir von sich aus offen darüber, mit welchen Tricks sie den "Yumas" am effektivsten die Dollars abknöpfen, wie geizig viele Italiener sind und welch Freude es bereitet, die jetzt hier neuerdings frisch aufgetauchten unwissenden Skandinavier auszunehmen. Andererseits verurteilen sie die "ganz normalen jungen Leute, die es aus Liebe und Freude machen". Das sind in den Augen der Jineteras nur "cochinos"- also Schweine, weil die treibens nach der Disco im Gebüsch miteinender und durcheinander ohne Geld zu nehmen. So eine Sauerei aber auch. Die Jineteras fühlen sich denen gegenüber sogar als moralisch überlegen und im Recht. Ihrer Meinung nach ist es das normalste der Welt, dass eine Frau Touristen "abzureiten" hat. Völlig ohne jede Spur von Skrupel, Schuldgefühl oder Scham. 


Beziehungen aufbauen 

Da es jetzt auch mit dem Hausbau etwas voran geht, und ich selber mit den Leuten verhandele, Baumaterial organisiere und den Lohn auszahle, komme ich mit immer mehr Leuten in besseren Kontakt. Mittlerweile gelten für mich die gleichen Preise wie für Cubaner. Selbst der Polizeichef unseres Ortes kam mich neulich besuchen. "No hay problemas" - er wollte sich nur für ein paar Tage einen Laptop borgen. Da ich 2 davon habe, auch kein Problem für mich. Beziehungen aufzubauen, kann nicht schaden. 


Politik 

Natürlich gibt es auch hier viele, die mit mir über Politik diskutieren möchten. Die Unbedarftheit und der teilweise bedingungslose Glaube an den vermeintlichen Segen des Kapitalismus übertrifft die Naivität der ehemaligen DDR-Bürger in erschreckendem Maße. Gerade heute hatten wir so eine Diskussion. Ein wohlhabender Mann mit Riesengrundstück, tollem Haus und Lizenz zum Vermieten, grossem Amischlitten usw. gerade der wollte mir erklären, dass ihm alles fehle zum Leben und dass alle Cubaner Hunger leiden, dass bei Batista alles besser gewesen sei, in Zukunft Cuba wie die USA in Miami sein müsse und so weiter. Zu seiner Entschuldigung sei hier angefügt, dass er bereits über eine Flasche Rum intus hatte. 


Armut 

Wenn ich mich hier umsehe, stelle ich fest, dass in jeder Familie -ausnahmslos- mindestens einer über Dollars verfügt. Von Hunger leiden nicht die geringste Spur. Die Schlangen an den Dollarläden sind 3 mal so lang wie an den freien Peso-Läden oder am Agromercado. Die Jugend sabbelt hier nur noch von "Fula", Geschäftchen hier, Negocio dort. Dennoch hat vieles den Anschein von Armut. Aber das liegt offensichtlich mehr an den Prämissen und der Lebensart jedes einzelnen. Folgendes Beispiel: 
Eine Jinetera aus der Nachbarschaft hat einen festen Italiener und einen festen Kanadier, beide füllen regelmässig ihr Dollar-Sparbuch. Hinzu kommt fast jeden Tag ein Freier für netto mindestens 20 USD. Allein im letzten Monat hatte sie mehr als tausend Dollar verbraten für Fiestas und Makenklamotten sowie für ihren Cubaner, den sie noch mit durchzieht. Aber bei ihrer Familie zuhause siehts aus wie im brasilianischen Elendsviertels. In der Wellblechhütte wird mit dem Eimer geduscht, obwohl Wasser installiert ist. Es fehlen für den Anfang vielleicht 20 Dollar für die Reparatur der Dusche, nochmal 50 für ein paar Ausbesserungen und etwas Farbe an die Wände. Für 1000 USD könnte man das ganze Haus auf ordentliche Lebensbedingungen vorrichten. Aber das interessiert nicht. Es sieht ja niemand, wie gewohnt wird. Doch der gefälschte Markenschrott am Wanst muss eben sein. Und alle 3 Wochen "rota" und neu gekauft, weil mit der Wurzelbürste zerschrubbt. Für eine Waschmaschine ist kein Geld da. Wie geagt, nur eine Frage der Priorität. 


Fleissige Leute 

Andere hingegen halten mit wesentlich geringerem Einkommen Ihr Haus in Ordnung, sehen auch ohne Markenklamotten nicht ungepflegt aus und meckern nicht sinnlos herum "falta dies, falta das", sondern verbringen ihren Tag mit nützlichen Dingen und verdienen auch damit nebenbei ihr gutes Geld. Das alles sind fleissige Leute, die zwar nicht reich, aber dennoch ordentlich leben. 
Persönlich in Anspruch genommen habe ich von diesen Leuten ausser den Handwerkern am Haus bereits den Friseur, die Schneiderin und den Schuster. 
Vorgestern musste ich nämlich mit Erschrecken feststellen, dass bei einem meiner "schnellen Stiefel" eine Naht zur Sohle aufgegangen war. Komplizierte Sache bei "Mil-Tec"-Stiefeln. Und gestern wollte ich damit nach Havanna. Kein Problem für den Schuhmacher am Ort. Seine Arbeit war beste Qualität und hat den Härtetest bestanden. Heute wollte ich seine Arbeit bezahlen. Er war fast beleidigt. Ich hab dann schnell eine Flasche "Havanna Club" gekauft und sie ihm gegeben. Er nahm diese nur an, unter meinem Versprechen, beim Ausleeren mitzuhelfen. Sonst hätte er sie abgelehnt. 


Havanna 

Bin mit frisch reparierten Schuhen gestern nach Havanna losgezogen. Kein leichtes Unterfangen, da ich mir vorgenommen habe, soweit wie möglich ohne Dollars auszukommen. Taxis sind das allerletzte, was ich bereit bin, zu bezahlen. Also marschiert bis zur Bushaltestelle Richtung Guanabo. Dort umsteigen in den 400-er nach HAV. Der war rappelvoll und hat von den 20 vor mir stehenden nur 2 mitgenommen. Alle halbe Stunde der nächste. Also Gegenrichtung bis Endstelle Penas Altas, dort in die "Cola" eingereiht. Stehplatz ging noch. In HAV. nach dem Tunnel ausgestiegen und losmarschiert über Reparto chino nach Vedado, Kaufhäuser und Klempnerläden "fereterias" abgeklappert nach Duscheinlassventil, Steckdosen, Wasserpumpe usw. alles zu Fuss. Aufgefallen ist beim passieren der Touristenorte wie Capitolio, Parce Central, Bulevard San Rafael usw., dass die Aggressivität der "Chulos" und "Dealer" gegenüber Juni deutlich nachgelassen hat. Einfach weitergegangen und gut ist. Früher haben die es ja noch 3 mal probiert. Heute reicht "No gracias". Ansonsten alles beim alten. Letzte Woche ist wieder ein Hochhaus zusammengebrochen, weil man in die 80 Jahre alten, 6 Meter hohen Räume Zwischengeschosse eingebaut hatte, fernab jeglicher Statik vermutlich. 
Abschliessend dann Kurzbesuch bei JOZE1, und zurück zum Bahnhof. Dort eingereiht in die Warteschlange und im übernächsten Bus nach 1 Stunde mit Sitzplatz mitgekommen bis kurz vor Guanabo. Dort aber fuhr der Anschlussbus erst in anderthalb Stunden. Also die 4 km zu Fuss in Angriff genommen. Nach wenigen 100 Metern hielt ein Abschleppfahrzeug und hinten drauf zwischen Eisenstangen und Ölfässern mit einigen Cubanern mitgefahren und direkt zuhause abgesetzt worden. 
50 Kilometer unterwegs gewesen, Fahrtkosten an diesem Tag insgesamt: 1 Peso 60 Centavos, also 16 Pfennig. 

Jetzt ist es in Deutschland 10.30 morgens und ich leg mich erst mal schlafen, bevor ich dann morgen mit dem Fahrrad nach Guanabo fahren werde, um diesen Beitrag ins Netz zu stellen. Beste Grüsse und ich freu mich auf alle, die mich hier besuchen wollen. Man sieht sich.


"Banditos Portuguéses" und andere Überraschungen

Heute, nach fast einem Monat ununterbrochen herrlichem Badewetter, ist es erstmals wieder kälter und leicht stürmisch geworden. Daher fühlt es sich jetzt vergleichsweise leicht fröstelnd an, bei nur 24 Grad. Dies ist insofern nicht weiter tragisch, da den Liebhabern des Meeres seit einigen Tagen ohnehin wieder mal die Badefreude genommen wird. Schuld daran haben einige Meeresbewohner.

Vor allem im Winter und bei fast jedem noch so kleinen Wetterumschwung befällt eine Plage die Küstenregion bei Havanna. Meist sieht man am Strand einzelne und gelegentlich auch Unmengen so etwa 10 cm kleiner, leuchtendblauer Luftkissen herumliegen. Wenn man drauftritt, platzen diese wie Luftballons. Ein Spaß, vor allem für Kinder.
Das sind Medusen, eine Art Quallen, welche "Agua Mala", oder auch "Banditos Portuguéses" genannt werden. Am Strand sind sie nicht weiter gefährlich, weil schon tot. Schwimmen diese Biester aber noch im Meer an der Oberfläche herum, kann man sicher sein, dass darunter bis zu 5 Meter lange Tentakel hängen. Und die sollte man unbedingt meiden.

Fast täglich treffen dann bei der Rettungsschwimmer- Station Leute mit übelsten Verbrennungen an der Haut ein. Mit Essig lässt sich zwar der Schmerz etwas lindern, dennoch sind mindestens 3 Tage Urlaub so richtig schön versaut. Eine junge Touristin hat's sogar am Hals erwischt. Mit der wollte niemand tauschen.

Zwar sind die "Agua Mala" zurzeit nicht in Sicht, dafür hat sich seit April nun eine andere Spezies auf den Weg gemacht, um uns die Badefreuden so richtig zu vermiesen. Diesmal kommen zirka 4 cm kleine braune Quallen zum Einsatz, sogenannte "Dedalillo". Saugend sich fortbewegend halten sie das Tempo des durchschnittlichen Badegastes locker mit. Und sie sind von knapp unter der Oberfläche bis in 5 Meter Tiefe jederzeit zum Angriff bereit. Vereinzelt und in unmittelbarer Strandnähe kann man ihnen ausweichen. Aber etwas weiter draußen lauern Abermillionen dicht beieinander. Das besonders fiese dabei ist, man merkt erst mal gar nichts. Jedoch dann am Abend kommt Freude auf, wenn man nicht mehr so richtig weiß woher eigentlich, fängt die Haut großflächig an zu jucken und zu brennen. Auch ein nachhaltiges Erlebnis, besonders für Urlauber mit nur 14 Tagen.


Frauenbeine

Man sollte unbedingt mal darauf achten, wenn man in Cuba ist. Eigentlich alle kubanischen Frauen rasieren ihre Beine. Das machen andere Frauen auch. Die kubanischen aber nur bis kurz übers Knie. Das ist mir zwar schon früher vereinzelt mal aufgefallen, hab mir aber gedacht, na vielleicht ist der Rasierschaum alle geworden oder es gab mal wieder keine Rasierklingen und so. Fehlanzeige. Es ist reine Absicht.

Faulheit als Motiv wäre denkbar. Als kubanischer Beweggrund durchaus einleuchtend und logisch nachvollziehbar. Wozu schließlich dort rasieren, wo es eh keiner sieht. Eben bis zu der Stelle, wohin die berühmten längs gestreiften Radlerhosen reichen. Doch weit gefehlt. Es ist Mode. Die Frauen sind tatsächlich der Meinung, dass es die kubanischen Männer sexuell anmacht, wenn unterhalb des kurzen Rockes noch ein paar Zentimeter behaarte Oberschenkel zu sehen sind. Und dabei spielt es keine Rolle, wie stark der Haarwuchs ist. Neulich sah ich eine recht attraktive Frau in einem Büro arbeiten, unter deren Minirock etwa 10 cm langes schwarzes dichtes krauses Affenfell hervorquoll. Mit Ästhetik und Anregung hatte das wahrlich nichts mehr zu tun. Die einzige Erregung die dieser Anblick bei mir hervorrief, war Brechreiz.

Die Frage nach Logik oder dem Sinn dieser Art von Selbstverunstaltung bleibt ewig unbeantwortet. Ich könnte mir nur einen einzigen Fall vorstellen, in dem dies von Nutzen sein könnte. Nämlich wenn zum Beispiel mal so per Zufall zwischen Havanna und Miami eine weibliche Wasserleiche aus dem Meer gefischt werden sollte, erleichtert diese Rasur den Behörden zumindest die Zuordnung der Nationalität.

Mittlerweile ist mein Blick für Frauenbeine besonders sensibilisiert und ich bin nun zu der Erkenntnis gelangt, dass tatsächlich alle Frauen ihre Beine nur bis kurz übers Knie rasieren. Da von Natur aus nicht jedes Weib so extrem behaart ist, war mir das ganze Ausmaß bisher nur nicht so aufgefallen. Man lernt eben auch nach 5 Monaten noch was dazu.


Ärger mit dem Bierpreis

Die schlechte Nachricht zuerst. Per 1. April, und das ist kein Scherz, hat der Staat den Preis für die Flasche "Cristal" und alle anderen Sorten aus nationaler Produktion in sämtlichen Läden um 25 % erhöht. Von 60 auf 75 Dollar-Cent. Jetzt kostet die Flasche genauso viel wie die Dose. Mit Umwelt ist das kaum zu begründen, eher mit Raffgier und Monopolstellung. Somit kostet also ein 0,35 Liter Fläschchen karibischer Reis- Mais- Brühe umgerechnet 85 Euro-Cent. Trotz Inflationskeule im Euroland kann ich mir nicht vorstellen, dass es in Deutschland im Supermarkt ein so teures Bier gibt. Von Qualität reden wir erst gar nicht.

Hatte ich mir bis dato gelegentlich ein paar Pullen "Cristal" gekauft, wenn es für Pesos mal wieder gar nichts gab, so hat sich das damit auch erledigt. Diesen Wucher macht der Loco nicht mehr mit. Zum Glück sind die Rumpreise stabil geblieben und es gibt ausreichend davon, auch für Pesos.

Ärger mit dem Bierpreis ganz anderer Art ist fast schon Tradition. Nämlich jeder dämliche Servierwanst versucht seine Gäste über den Tisch zu ziehen, indem er seine Preise selber macht. Von Preislisten ist in Tourismusgegenden und in Dollar- Bars erst recht nichts zu sehen. Seit einiger Zeit läuft fast präzise folgendes Spiel.

Wer sich auskennt weiß, dass in allen Kneipen und Strandbuden, selbst in der Bar Montserrat ein "Cristal" einen Dollar kostet. Staatlich festgelegt. Trotzdem Verlangen die Cantineros rotzfrech 1,50 USD. Auf dezente Hinweise betreffs des ungewöhnlichen Bierpreises setzen sie noch einen drauf in ihrer Dreistigkeit. Ein Dollar wäre wohl der Preis für eine Dose, aber die Flasche kostet 1,50. Und Dosen gibt's heut nicht. Selbst wenn danach vom Gast massiver Einspruch erfolgt, bleiben die dabei. Erst wenn der oder die Gäste aufstehen und sagen: dann eben nicht, erst dann plötzlich sehen sie die Felle wegschwimmen und werden vernünftig. Darauf folgt wie am Schnürchen der Plan B.

Ja, lieber Gast, ich hab ja nicht gewusst, dass Sie Nationales Bier trinken wollen. Sehen Sie, hier die Flasche Heineken kostet 1,50. Die Flasche "Cristal" können Sie natürlich für einen Dollar haben. Entschuldigungen von diesen Parasiten zu erwarten, wäre wohl zuviel verlangt.

Einer hat's sogar auf die Spitze getrieben. Als ich von ein paar Bekannten Besuchern aus Deutschland zu einem Bier hier am Strand eingeladen wurde. Es finden sich immer mal paar interessante Leute ein, wie z.B. Castro XL aus dem Forum. Jedenfalls zu fünft in die nächste Strandbude, jeder 2 Bier, also 10 Dollar. Da sagte mir der eine Bekannte, er habe für 2 Bier vorher schon 3 Dollar gezahlt. Da schwoll mir gleich der Hals. Jetzt ging's ans bezahlen. Tatsächlich verlangte der Servierwanst 15 Dollar. Der Gastgeber an unserem Tisch legte auf meine Anweisung nur 10 Dollar passend hin. Da wurde der Tablettkasper aufsässig und wollte 5 mehr, ungeachtet meines Hinweises in spanisch, dass ich die Preise hier sehr wohl kenne. Als nach einigem Wortwechsel das ganze zu eskalieren drohte, hab ich ihm vorgeschlagen, ein paar der vielen Polizisten vom Strand herzuholen. Und dann werden wir ja sehen. Daraufhin laberte er was unverständliches, vermutlich beleidigendes, worauf ich ihn unter Verwendung eines Teils meines Vorrates an Beschimpfungen ( que pinga te pasa, coge el dinero y vete ya, cojone, culo maricona...usw.) aufforderte, sich mit den 10 Dollar zu verpissen. Was er dann auch tat.

Wenn ich schon allein wegen des Preises höchst widerwillig in Dollarkneipen gehe, so schreckt mich zunehmend noch mehr ab, jedes mal dieses Affentheater veranstalten zu müssen, nur um nicht Opfer dieser Ganoven zu sein. Auch in Pesokneipen kommt es vor, dass für Pesobier ( 10 Peso) gleich mal versucht wird von Yuma Weißnase einen Dollar abzukassieren. Dort reichen aber meist ein paar kurze Worte und die passende Summe in Pesos.

Leider ist es offensichtlich vielen Touristen egal, ja vielleicht verspüren sie sogar etwas masochistische Freude dabei, wenn sie über den Tisch gezogen werden. Oder sie begreifen sich als Entwicklungshelfer. Eines entwickeln sie tatsächlich damit. Nämlich die Preisschraube nach oben. Und wer hier lebt, muss es dann ausbaden.


Technik, die begeistert

Die Eisenbahn von Matanzas nach Havanna im Regionalbetrieb benötigt für die etwa 100 Kilometer immerhin zwischen 3 und 4 Stunden. Es gibt auch einen Fahrplan, der allerdings nur unverbindliche Richtzeiten wiedergibt. Der strombetriebene Zug stammt aus Saragossa, vermutlich wurde er im Zuge eines Entwicklungshilfeprojektes Anfang der 90-er von Spanien ausrangiert. Seitdem dümpelt das grüne Ungeheuer mit seinen insgesamt 4 Wagen gemütlich durch die Palmenlandschaft. Außer vorgestern.

Erstaunen löste bei mir aus, dass die Bahn entgegen aller Gewohnheit pünktlich 3 Uhr nachmittags die Station einlief. Nach dem kurzen Halt heizte der Fahrer dann den Zug in einem bisher völlig ungewohnten Tempo über die Gleise. Sollte mir recht sein, beizeiten in Havanna anzukommen um mich mit DET im "Dos Hermanos" zu treffen. Das ist die Hafenkneipe gleich gegenüber der Fähranlegestelle. Leider ebenfalls eine Dollarbar, und demzufolge mit der selben betrügerischen Masche. Nachdem der Fettwanst hinterm Tresen dann den korrekten Bierpreis zähneknirschend akzeptierte, hat er am Ende doch tatsächlich noch versucht, bei der Abrechnung zu bescheißen. Aber nur versucht!

Die Fahrt wurde immer schneller, der Fahrer drückte auf die Tube wie vom wilden Affen gebissen. Gleich springt der Zug aus den maroden Gleisen, war mein Gedanke. Doch das geschah nicht. Dafür etwas anderes.
Kurz vor Guanabacoa plötzlich ein rumpeln, dann ein Knall und der Zug stand. In diesem Moment sah ich aus dem Augenwinkel heraus einen dicken Brocken aus Richtung Triebwagenende neben meinem Fenster vorbeisausen und im Gras aufschlagen. Und dann anschließend im Gestrüpp verschwinden. Wie sich bald herausstellte, muss es wohl das Gewicht vom Stromabnehmer gewesen sein. Das hatte sonst immer hinten runtergebaumelt und auch ab und zu mal gegen die Karosserie und sogar gegen die Heckscheibe geschlagen, diese aber wie durch ein Wunder nie zertrümmert.
Nun ohne Gegengewicht hatte der Stromabnehmer keinen Druck mehr gegen die Leitung. Der Fahrer versuchte zwar weiterzuruckeln, aber außer ein paar Abrissfunken erzielte er kein Ergebnis.

Jetzt schlug die Stunde der Ingenieure. Erstaunlich, wie viele Fachleute auf so einem Vorstadtzug anwesend ist. Selbst ein Polizist mit Pistole gehört zum Personal. Zwei von den vier Experten begannen, sich Handschuhe anzuziehen und aufs Dach zu klettern. Gebrülle hin, Kommandos her. Schraubenschlüssel, Hammer, alles hantierte herum. Dann Probelauf nach 10 Minuten werkeln. Nichts. Noch mal hin und her. Nach 20 Minuten dann der erste erfolgreiche Versuch. Die letzten 200 Meter bis zur nächsten Haltestelle ging es dann wenigstens im Schneckentempo vorwärts. Es folgten noch ein paar kurze Kommandos und die Fahrt setzte sich zügig fort, aber nicht mehr mit so einem Affenzahn, da sich in dem Chauffeur wohl ein Lernprozess vollzogen hatte.

Weiter ging es dann bis zur Endstelle Casa Blanca, vorbei an all den fürchterlichen Elendshütten, die mitunter nicht mal zwei Meter vom Bahngleis entfernt stehen. Als ich mich zufällig während der Fahrt noch mal umdrehte, sah ich an Stelle des Ausgleichsgewichtes einen der Experten mit beiden Armen fest am Seil baumeln. Soll mal einer sagen, Kubaner sind nicht erfinderisch.


Carola

Klingt wie ein Mädchen, doch sie kam bereits 1948 zur Welt. Beim bloßen Anblick von Carola würde jedem Manne sofort ein Ei aus der Hose fallen, jedenfalls wenn es sich bei ihm um einen TÜV- Ingenieur handelt. Carola ist der Kosename für einen Chevrolet, oder besser gesagt, das, was davon noch nicht weggerostet ist. Dieser Oldtimer gehört einem jungen Kubaner hier aus dem Dorf. Und jener ist auch ein bisschen "loco". Hat mir angeboten, für ganz kleines Geld nach Havanna zu chauffieren. Das passte mir ganz gut, da ich ohnehin mal auf den Markt in der 19. Ecke B wollte. Dort bekommt man vieles, was es sonst nirgends zu kaufen gibt. Sackweise Orangen, Kartoffeln, Eier und einiges mehr was hier seit einiger Zeit nur noch mit "no hay" beantwortet wird, sobald man danach fragt. Außerdem musste ich noch mal zur Immigration, mein Visum verlängern lassen.

Los ging's ganz gut mit Carola. Schließlich hatten wir schönes Wetter. Für Regen ist Carola nicht das richtige Gefährt, weil sämtliche Scheiben fehlen. Nur die beiden Sehschlitze vorn haben noch Glas aus der Zeit, als es noch keine gebogenen Scheiben gab. Allerdings hat die Fahrerseite ein faustgroßes Loch und einen Scheibenwischer, der aber nicht funktioniert. Und die Bereifung ist Formel-eins verdächtig. Nicht mehr die geringste Spur von Profil. Die Tür immer vorsichtig schließen, weil sonst irgend ein anderes Teil irgendwo abfällt. Kartoffelgroße Löcher in sämtlichen tragenden Teilen gehören mittlerweile zur Grundausstattung. Die Lenkung erinnert mich immer an meinen alten 21-er Wolga. Halbe Drehung, bis etwas greift. Richtig lustig wurde es dann bei dem Gewühl auf den Straßen von Havanna. Plötzlich musste Carola gebremst werden. Fleißig und ganz schnell vorpumpen, so an die 4-5 mal mindestens, ehe sich das Gefährt dann verlangsamte und trotz gegenlenken schließlich schräg auf der Kreuzung zum stehen kam.

Was der Virtuose am Lenkrad nicht bedacht hatte, war der enorme Spritverbrauch innerhalb der Stadt. So kam, was kommen musste. Auf der Rückfahrt bei Santa Fé war der Sprit alle. Der Besitzer versicherte mir, dass seine geliebte Carola sonst mit 6 Litern Havanna und zurück schafft. Und er hatte schon extra 12 Liter getankt! Welch Voraussicht. Dann begann das beliebte Spiel: Wer füllt mir Benzin ab? Die LKW nicht, die haben alle nur Diesel. Flugs ging der Chauffeur in die Spur und stieg in einen Kleinbus ein, samt Kanister. Nach einer halben Stunde war er auch schon wieder da. Allerdings ohne Benzin. Als nächstes hat er einen Sattelschlepper angehalten und diskutiert, ist dort eingestiegen. Ich hab mir derweil die Zeit vertrieben und Straßenbauarbeitern zugesehen. Insgesamt waren fünf am arbeiten. Einer mit der Spitzhacke, ein anderer mit der Schaufel und drei mit der Schnapsflasche. Nach etwa einer weiteren Stunde kam dann der Meister aus Richtung Havanna zurück. Diesmal mit Sprit. Ganze 3 Liter. Aber die haben in der Tat bis nachhause gereicht. Und das sogar, obwohl der Vergaser von dem den Dreck aus dem Tank durchs leer fahren ziemlich verstopft war. Zur Weiterfahrt wurde deshalb kurzerhand der Luftfilter abgehoben. Dass dieser keine Schrauben mehr hatte, versteht sich von selbst.


TÜV auf kubanisch

Schlechte Aussichten für Carola und deren Artgenossen. Denn seit einigen Tagen wird im Fernsehen eine Großkampagne angekündigt. Den rollenden Schrotthaufen soll's an den Kragen gehen. Ab Montag, 8. April beginnt der Umtausch sämtlicher Autokennzeichen für privat zugelassene PKW. Das neue Schild soll dann blau aussehen. Der Sprecher im Fernsehen betonte, dass man ein Mindestmaß an Sicherheit garantieren wolle. Nur derjenige erhält ein neues Nummernschild, bei dessen Auto die Bremse, die Lenkung und die Elektrik funktionieren. Von Rost in tragenden Teilen war nicht die Rede. Somit bleiben uns wohl die meisten der beliebten Ami- und Russenmöhren noch ein Weilchen erhalten. Bis zur nächsten Schilder- Umtauschaktion. Kleine runde Aufkleber mit Jahres- und Monatsangaben sind hier offensichtlich noch nicht erfunden.


Geldtransfer mit Western Union

Es gibt sie wirklich in Cuba, die Western Union Bank, vertreten mit einem relativ dichten Filialnetz. In Havanna allein drei, davon eine im Einkaufszentrum "Carlos III" eine weitere im Kaufhaus "Ultra". Dabei hatten wir immer geglaubt, dass Kuba keine Verbindung mit Amibanken pflegt. Aber dieses Argument trifft wohl nur zu, wenn Tourist Normalverbraucher am Schalter mit seinen American Express Reiseschecks abgewimmelt wird.

Der Geldtransfer bei Western Union funktioniert reibungslos und perfekt. In Deutschland ist die Reisebank der Vertragspartner. Filialen der Reisebank gibt's auf allen Flughäfen und Bahnhöfen der wichtigsten Städte. Von dort aus kann man jeder beliebigen Person an fast jeden Ort der Welt Geld in Minuten senden. Und das funktioniert so. Der Absender füllt bei Einzahlung ein Formular aus mit den Daten des Empfängers und der Ortsangabe der Western Union Bankfiliale. Danach erhält er eine Transaktionsnummer. Diese sendet er per E-mail oder Telefon an den Empfänger. Dieser wiederum begibt sich darauf zu der benannten Filiale und füllt ebenfalls ein Formular aus mit der vollständigen Adresse des Absenders und der Transaktionsnummer. Nach erfolgter Identitätsüberprüfung bekommt er das Geld ausgezahlt.
Der Empfänger zahlt keine Gebühren, der Einzahler von 500 Euro zum Beispiel muss 30 Euro drauflegen. Ausgezahlt wird in Dollar oder jeweiliger Landeswährung.

Meiner Ansicht nach die schnellste, preiswerteste und sicherste Methode, wenn man Geld ins Ausland versenden will. Hat mir selbst schon mal sehr geholfen, als neulich in der Dominikanischen Republik meine Kreditkarte plötzlich den Dienst komplett verweigert hatte. Zum Glück hat man noch Freunde in Deutschland. Beste Grüße an Tobias aus Leipzig.

Johnnie - el-loco-alemán


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