Bericht aus
Cuba
Mittlerweile ist jetzt bereits die Zeit vergangen, welche
man üblicherweise so als Urlauber hier in Cuba verbringt.
Und zu einigen Themen haben sich Fenster zu interessanten
Einsichten geöffnet. Hier ein paar Beispiele.
Casas particulares
Es ist erstaunlich festzustellen, wie schnell sich manche
Dinge ändern sobald bekannt wird, dass man längere Zeit hier
bleiben wird. Die ehemaligen Vermieter der offiziellen
"casas particulares", in denen man sonst seine 14 Tage gegen
saftiges Entgelt gewohnt hat, reagieren zwar immer noch
freundlich, aber man merkt schon, dass man als Klient nicht
mehr infrage kommt und demzufolge weniger interessant ist.
Andererseits wurde mir "Commission" angeboten für die
Vermittlung von Touris. Hier in der Gegend ist der Tourismus
derzeit fast völlig zum Erliegen gekommen. Von ehemals 12
registrierten casas haben nur noch 6 ihre Lizenz verlängern
können.
Beginnende Integration
Andererseits eröffnen sich jetzt völlig neue Einblicke in
die Zusammenhänge des hiesigen Zusammenlebens. Plötzlich ist
man nicht mehr der Tourist. Es hat sich in unserem kleinen
Dorf schnell herumgesprochen, dass der loco alemán jetzt
hier wohnt und irgendwie dazu gehört. Wie schnell sich auf
einmal einige Leute hier öffnen ist schon erstaunlich.
Innerhalb weniger Tage bin ich eingeweiht in die kleinen und
grösseren Geschäftchen der einen und des anderen.
Inzwischen weiss ich auch, wer hier was verschiebt, wer mit
wem ein Techtelmechtel hat, welcher Knabe Unzucht mit
landwirtschaftlichem Nutzvieh getrieben hat, wer schon alles
im Pfarrhaus gevögelt hatte und so weiter. Das Leben in
diesem kleinen Kaff offenbart sich nun als eine Novella der
besonderen Art. Und so manchem verliebten Touristen würden
die Haare zu Berge stehen, wenn er wüsste, was hinter den
Kulissen hier abgeht mit seiner "Novia". Was mir trotz
meiner häufigen Besuche gerade in den letzten 2 Jahren
verborgen blieb, das offenbart sich fast schlagartig mit
einer scheinbaren Selbstverständlichkeit.
Jineteras
Vor allem die Mädchen und junge Frauen, von denen ich es zum
grossen Teil bislang nichtmal vermutet hätte, entpuppen sich
als Jineteras und reden jetzt mit mir von sich aus offen
darüber, mit welchen Tricks sie den "Yumas" am effektivsten
die Dollars abknöpfen, wie geizig viele Italiener sind und
welch Freude es bereitet, die jetzt hier neuerdings frisch
aufgetauchten unwissenden Skandinavier auszunehmen.
Andererseits verurteilen sie die "ganz normalen jungen
Leute, die es aus Liebe und Freude machen". Das sind in den
Augen der Jineteras nur "cochinos"- also Schweine, weil die
treibens nach der Disco im Gebüsch miteinender und
durcheinander ohne Geld zu nehmen. So eine Sauerei aber
auch. Die Jineteras fühlen sich denen gegenüber sogar als
moralisch überlegen und im Recht. Ihrer Meinung nach ist es
das normalste der Welt, dass eine Frau Touristen
"abzureiten" hat. Völlig ohne jede Spur von Skrupel,
Schuldgefühl oder Scham.
Beziehungen aufbauen
Da es jetzt auch mit dem Hausbau etwas voran geht, und ich
selber mit den Leuten verhandele, Baumaterial organisiere
und den Lohn auszahle, komme ich mit immer mehr Leuten in
besseren Kontakt. Mittlerweile gelten für mich die gleichen
Preise wie für Cubaner. Selbst der Polizeichef unseres Ortes
kam mich neulich besuchen. "No hay problemas" - er wollte
sich nur für ein paar Tage einen Laptop borgen. Da ich 2
davon habe, auch kein Problem für mich. Beziehungen
aufzubauen, kann nicht schaden.
Politik
Natürlich gibt es auch hier viele, die mit mir über Politik
diskutieren möchten. Die Unbedarftheit und der teilweise
bedingungslose Glaube an den vermeintlichen Segen des
Kapitalismus übertrifft die Naivität der ehemaligen
DDR-Bürger in erschreckendem Maße. Gerade heute hatten wir
so eine Diskussion. Ein wohlhabender Mann mit
Riesengrundstück, tollem Haus und Lizenz zum Vermieten,
grossem Amischlitten usw. gerade der wollte mir erklären,
dass ihm alles fehle zum Leben und dass alle Cubaner Hunger
leiden, dass bei Batista alles besser gewesen sei, in
Zukunft Cuba wie die USA in Miami sein müsse und so weiter.
Zu seiner Entschuldigung sei hier angefügt, dass er bereits
über eine Flasche Rum intus hatte.
Armut
Wenn ich mich hier umsehe, stelle ich fest, dass in jeder
Familie -ausnahmslos- mindestens einer über Dollars verfügt.
Von Hunger leiden nicht die geringste Spur. Die Schlangen an
den Dollarläden sind 3 mal so lang wie an den freien
Peso-Läden oder am Agromercado. Die Jugend sabbelt hier nur
noch von "Fula", Geschäftchen hier, Negocio dort. Dennoch
hat vieles den Anschein von Armut. Aber das liegt
offensichtlich mehr an den Prämissen und der Lebensart jedes
einzelnen. Folgendes Beispiel:
Eine Jinetera aus der Nachbarschaft hat einen festen
Italiener und einen festen Kanadier, beide füllen
regelmässig ihr Dollar-Sparbuch. Hinzu kommt fast jeden Tag
ein Freier für netto mindestens 20 USD. Allein im letzten
Monat hatte sie mehr als tausend Dollar verbraten für
Fiestas und Makenklamotten sowie für ihren Cubaner, den sie
noch mit durchzieht. Aber bei ihrer Familie zuhause siehts
aus wie im brasilianischen Elendsviertels. In der
Wellblechhütte wird mit dem Eimer geduscht, obwohl Wasser
installiert ist. Es fehlen für den Anfang vielleicht 20
Dollar für die Reparatur der Dusche, nochmal 50 für ein paar
Ausbesserungen und etwas Farbe an die Wände. Für 1000 USD
könnte man das ganze Haus auf ordentliche Lebensbedingungen
vorrichten. Aber das interessiert nicht. Es sieht ja
niemand, wie gewohnt wird. Doch der gefälschte Markenschrott
am Wanst muss eben sein. Und alle 3 Wochen "rota" und neu
gekauft, weil mit der Wurzelbürste zerschrubbt. Für eine
Waschmaschine ist kein Geld da. Wie geagt, nur eine Frage
der Priorität.
Fleissige Leute
Andere hingegen halten mit wesentlich geringerem Einkommen
Ihr Haus in Ordnung, sehen auch ohne Markenklamotten nicht
ungepflegt aus und meckern nicht sinnlos herum "falta dies,
falta das", sondern verbringen ihren Tag mit nützlichen
Dingen und verdienen auch damit nebenbei ihr gutes Geld. Das
alles sind fleissige Leute, die zwar nicht reich, aber
dennoch ordentlich leben.
Persönlich in Anspruch genommen habe ich von diesen Leuten
ausser den Handwerkern am Haus bereits den Friseur, die
Schneiderin und den Schuster.
Vorgestern musste ich nämlich mit Erschrecken feststellen,
dass bei einem meiner "schnellen Stiefel" eine Naht zur
Sohle aufgegangen war. Komplizierte Sache bei "Mil-Tec"-Stiefeln.
Und gestern wollte ich damit nach Havanna. Kein Problem für
den Schuhmacher am Ort. Seine Arbeit war beste Qualität und
hat den Härtetest bestanden. Heute wollte ich seine Arbeit
bezahlen. Er war fast beleidigt. Ich hab dann schnell eine
Flasche "Havanna Club" gekauft und sie ihm gegeben. Er nahm
diese nur an, unter meinem Versprechen, beim Ausleeren
mitzuhelfen. Sonst hätte er sie abgelehnt.
Havanna
Bin mit frisch reparierten Schuhen gestern nach Havanna
losgezogen. Kein leichtes Unterfangen, da ich mir
vorgenommen habe, soweit wie möglich ohne Dollars
auszukommen. Taxis sind das allerletzte, was ich bereit bin,
zu bezahlen. Also marschiert bis zur Bushaltestelle Richtung
Guanabo. Dort umsteigen in den 400-er nach HAV. Der war
rappelvoll und hat von den 20 vor mir stehenden nur 2
mitgenommen. Alle halbe Stunde der nächste. Also
Gegenrichtung bis Endstelle Penas Altas, dort in die "Cola"
eingereiht. Stehplatz ging noch. In HAV. nach dem Tunnel
ausgestiegen und losmarschiert über Reparto chino nach
Vedado, Kaufhäuser und Klempnerläden "fereterias"
abgeklappert nach Duscheinlassventil, Steckdosen,
Wasserpumpe usw. alles zu Fuss. Aufgefallen ist beim
passieren der Touristenorte wie Capitolio, Parce Central,
Bulevard San Rafael usw., dass die Aggressivität der "Chulos"
und "Dealer" gegenüber Juni deutlich nachgelassen hat.
Einfach weitergegangen und gut ist. Früher haben die es ja
noch 3 mal probiert. Heute reicht "No gracias". Ansonsten
alles beim alten. Letzte Woche ist wieder ein Hochhaus
zusammengebrochen, weil man in die 80 Jahre alten, 6 Meter
hohen Räume Zwischengeschosse eingebaut hatte, fernab
jeglicher Statik vermutlich.
Abschliessend dann Kurzbesuch bei JOZE1, und zurück zum
Bahnhof. Dort eingereiht in die Warteschlange und im
übernächsten Bus nach 1 Stunde mit Sitzplatz mitgekommen bis
kurz vor Guanabo. Dort aber fuhr der Anschlussbus erst in
anderthalb Stunden. Also die 4 km zu Fuss in Angriff
genommen. Nach wenigen 100 Metern hielt ein
Abschleppfahrzeug und hinten drauf zwischen Eisenstangen und
Ölfässern mit einigen Cubanern mitgefahren und direkt
zuhause abgesetzt worden.
50 Kilometer unterwegs gewesen, Fahrtkosten an diesem Tag
insgesamt: 1 Peso 60 Centavos, also 16 Pfennig.
Jetzt ist es in Deutschland 10.30 morgens und ich leg mich
erst mal schlafen, bevor ich dann morgen mit dem Fahrrad
nach Guanabo fahren werde, um diesen Beitrag ins Netz zu
stellen. Beste Grüsse und ich freu mich auf alle, die mich
hier besuchen wollen. Man sieht sich.
"Banditos Portuguéses" und andere Überraschungen
Heute, nach fast einem Monat ununterbrochen herrlichem
Badewetter, ist es erstmals wieder kälter und leicht
stürmisch geworden. Daher fühlt es sich jetzt
vergleichsweise leicht fröstelnd an, bei nur 24 Grad. Dies
ist insofern nicht weiter tragisch, da den Liebhabern des
Meeres seit einigen Tagen ohnehin wieder mal die Badefreude
genommen wird. Schuld daran haben einige Meeresbewohner.
Vor allem im Winter und bei fast jedem noch so kleinen
Wetterumschwung befällt eine Plage die Küstenregion bei
Havanna. Meist sieht man am Strand einzelne und gelegentlich
auch Unmengen so etwa 10 cm kleiner, leuchtendblauer
Luftkissen herumliegen. Wenn man drauftritt, platzen diese
wie Luftballons. Ein Spaß, vor allem für Kinder.
Das sind Medusen, eine Art Quallen, welche "Agua Mala", oder
auch "Banditos Portuguéses" genannt werden. Am Strand sind
sie nicht weiter gefährlich, weil schon tot. Schwimmen diese
Biester aber noch im Meer an der Oberfläche herum, kann man
sicher sein, dass darunter bis zu 5 Meter lange Tentakel
hängen. Und die sollte man unbedingt meiden.
Fast täglich treffen dann bei der Rettungsschwimmer- Station
Leute mit übelsten Verbrennungen an der Haut ein. Mit Essig
lässt sich zwar der Schmerz etwas lindern, dennoch sind
mindestens 3 Tage Urlaub so richtig schön versaut. Eine
junge Touristin hat's sogar am Hals erwischt. Mit der wollte
niemand tauschen.
Zwar sind die "Agua Mala" zurzeit nicht in Sicht, dafür hat
sich seit April nun eine andere Spezies auf den Weg gemacht,
um uns die Badefreuden so richtig zu vermiesen. Diesmal
kommen zirka 4 cm kleine braune Quallen zum Einsatz,
sogenannte "Dedalillo". Saugend sich fortbewegend halten sie
das Tempo des durchschnittlichen Badegastes locker mit. Und
sie sind von knapp unter der Oberfläche bis in 5 Meter Tiefe
jederzeit zum Angriff bereit. Vereinzelt und in
unmittelbarer Strandnähe kann man ihnen ausweichen. Aber
etwas weiter draußen lauern Abermillionen dicht beieinander.
Das besonders fiese dabei ist, man merkt erst mal gar
nichts. Jedoch dann am Abend kommt Freude auf, wenn man
nicht mehr so richtig weiß woher eigentlich, fängt die Haut
großflächig an zu jucken und zu brennen. Auch ein
nachhaltiges Erlebnis, besonders für Urlauber mit nur 14
Tagen.
Frauenbeine
Man sollte unbedingt mal darauf achten, wenn man in Cuba
ist. Eigentlich alle kubanischen Frauen rasieren ihre Beine.
Das machen andere Frauen auch. Die kubanischen aber nur bis
kurz übers Knie. Das ist mir zwar schon früher vereinzelt
mal aufgefallen, hab mir aber gedacht, na vielleicht ist der
Rasierschaum alle geworden oder es gab mal wieder keine
Rasierklingen und so. Fehlanzeige. Es ist reine Absicht.
Faulheit als Motiv wäre denkbar. Als kubanischer Beweggrund
durchaus einleuchtend und logisch nachvollziehbar. Wozu
schließlich dort rasieren, wo es eh keiner sieht. Eben bis
zu der Stelle, wohin die berühmten längs gestreiften
Radlerhosen reichen. Doch weit gefehlt. Es ist Mode. Die
Frauen sind tatsächlich der Meinung, dass es die kubanischen
Männer sexuell anmacht, wenn unterhalb des kurzen Rockes
noch ein paar Zentimeter behaarte Oberschenkel zu sehen
sind. Und dabei spielt es keine Rolle, wie stark der
Haarwuchs ist. Neulich sah ich eine recht attraktive Frau in
einem Büro arbeiten, unter deren Minirock etwa 10 cm langes
schwarzes dichtes krauses Affenfell hervorquoll. Mit
Ästhetik und Anregung hatte das wahrlich nichts mehr zu tun.
Die einzige Erregung die dieser Anblick bei mir hervorrief,
war Brechreiz.
Die Frage nach Logik oder dem Sinn dieser Art von
Selbstverunstaltung bleibt ewig unbeantwortet. Ich könnte
mir nur einen einzigen Fall vorstellen, in dem dies von
Nutzen sein könnte. Nämlich wenn zum Beispiel mal so per
Zufall zwischen Havanna und Miami eine weibliche
Wasserleiche aus dem Meer gefischt werden sollte,
erleichtert diese Rasur den Behörden zumindest die Zuordnung
der Nationalität.
Mittlerweile ist mein Blick für Frauenbeine besonders
sensibilisiert und ich bin nun zu der Erkenntnis gelangt,
dass tatsächlich alle Frauen ihre Beine nur bis kurz übers
Knie rasieren. Da von Natur aus nicht jedes Weib so extrem
behaart ist, war mir das ganze Ausmaß bisher nur nicht so
aufgefallen. Man lernt eben auch nach 5 Monaten noch was
dazu.
Ärger mit dem Bierpreis
Die schlechte Nachricht zuerst. Per 1. April, und das ist
kein Scherz, hat der Staat den Preis für die Flasche
"Cristal" und alle anderen Sorten aus nationaler Produktion
in sämtlichen Läden um 25 % erhöht. Von 60 auf 75
Dollar-Cent. Jetzt kostet die Flasche genauso viel wie die
Dose. Mit Umwelt ist das kaum zu begründen, eher mit
Raffgier und Monopolstellung. Somit kostet also ein 0,35
Liter Fläschchen karibischer Reis- Mais- Brühe umgerechnet
85 Euro-Cent. Trotz Inflationskeule im Euroland kann ich mir
nicht vorstellen, dass es in Deutschland im Supermarkt ein
so teures Bier gibt. Von Qualität reden wir erst gar nicht.
Hatte ich mir bis dato gelegentlich ein paar Pullen
"Cristal" gekauft, wenn es für Pesos mal wieder gar nichts
gab, so hat sich das damit auch erledigt. Diesen Wucher
macht der Loco nicht mehr mit. Zum Glück sind die Rumpreise
stabil geblieben und es gibt ausreichend davon, auch für
Pesos.
Ärger mit dem Bierpreis ganz anderer Art ist fast schon
Tradition. Nämlich jeder dämliche Servierwanst versucht
seine Gäste über den Tisch zu ziehen, indem er seine Preise
selber macht. Von Preislisten ist in Tourismusgegenden und
in Dollar- Bars erst recht nichts zu sehen. Seit einiger
Zeit läuft fast präzise folgendes Spiel.
Wer sich auskennt weiß, dass in allen Kneipen und
Strandbuden, selbst in der Bar Montserrat ein "Cristal"
einen Dollar kostet. Staatlich festgelegt. Trotzdem
Verlangen die Cantineros rotzfrech 1,50 USD. Auf dezente
Hinweise betreffs des ungewöhnlichen Bierpreises setzen sie
noch einen drauf in ihrer Dreistigkeit. Ein Dollar wäre wohl
der Preis für eine Dose, aber die Flasche kostet 1,50. Und
Dosen gibt's heut nicht. Selbst wenn danach vom Gast
massiver Einspruch erfolgt, bleiben die dabei. Erst wenn der
oder die Gäste aufstehen und sagen: dann eben nicht, erst
dann plötzlich sehen sie die Felle wegschwimmen und werden
vernünftig. Darauf folgt wie am Schnürchen der Plan B.
Ja, lieber Gast, ich hab ja nicht gewusst, dass Sie
Nationales Bier trinken wollen. Sehen Sie, hier die Flasche
Heineken kostet 1,50. Die Flasche "Cristal" können Sie
natürlich für einen Dollar haben. Entschuldigungen von
diesen Parasiten zu erwarten, wäre wohl zuviel verlangt.
Einer hat's sogar auf die Spitze getrieben. Als ich von ein
paar Bekannten Besuchern aus Deutschland zu einem Bier hier
am Strand eingeladen wurde. Es finden sich immer mal paar
interessante Leute ein, wie z.B. Castro XL aus dem Forum.
Jedenfalls zu fünft in die nächste Strandbude, jeder 2 Bier,
also 10 Dollar. Da sagte mir der eine Bekannte, er habe für
2 Bier vorher schon 3 Dollar gezahlt. Da schwoll mir gleich
der Hals. Jetzt ging's ans bezahlen. Tatsächlich verlangte
der Servierwanst 15 Dollar. Der Gastgeber an unserem Tisch
legte auf meine Anweisung nur 10 Dollar passend hin. Da
wurde der Tablettkasper aufsässig und wollte 5 mehr,
ungeachtet meines Hinweises in spanisch, dass ich die Preise
hier sehr wohl kenne. Als nach einigem Wortwechsel das ganze
zu eskalieren drohte, hab ich ihm vorgeschlagen, ein paar
der vielen Polizisten vom Strand herzuholen. Und dann werden
wir ja sehen. Daraufhin laberte er was unverständliches,
vermutlich beleidigendes, worauf ich ihn unter Verwendung
eines Teils meines Vorrates an Beschimpfungen ( que pinga te
pasa, coge el dinero y vete ya, cojone, culo maricona...usw.)
aufforderte, sich mit den 10 Dollar zu verpissen. Was er
dann auch tat.
Wenn ich schon allein wegen des Preises höchst widerwillig
in Dollarkneipen gehe, so schreckt mich zunehmend noch mehr
ab, jedes mal dieses Affentheater veranstalten zu müssen,
nur um nicht Opfer dieser Ganoven zu sein. Auch in
Pesokneipen kommt es vor, dass für Pesobier ( 10 Peso)
gleich mal versucht wird von Yuma Weißnase einen Dollar
abzukassieren. Dort reichen aber meist ein paar kurze Worte
und die passende Summe in Pesos.
Leider ist es offensichtlich vielen Touristen egal, ja
vielleicht verspüren sie sogar etwas masochistische Freude
dabei, wenn sie über den Tisch gezogen werden. Oder sie
begreifen sich als Entwicklungshelfer. Eines entwickeln sie
tatsächlich damit. Nämlich die Preisschraube nach oben. Und
wer hier lebt, muss es dann ausbaden.
Technik, die begeistert
Die Eisenbahn von Matanzas nach Havanna im Regionalbetrieb
benötigt für die etwa 100 Kilometer immerhin zwischen 3 und
4 Stunden. Es gibt auch einen Fahrplan, der allerdings nur
unverbindliche Richtzeiten wiedergibt. Der strombetriebene
Zug stammt aus Saragossa, vermutlich wurde er im Zuge eines
Entwicklungshilfeprojektes Anfang der 90-er von Spanien
ausrangiert. Seitdem dümpelt das grüne Ungeheuer mit seinen
insgesamt 4 Wagen gemütlich durch die Palmenlandschaft.
Außer vorgestern.
Erstaunen löste bei mir aus, dass die Bahn entgegen aller
Gewohnheit pünktlich 3 Uhr nachmittags die Station einlief.
Nach dem kurzen Halt heizte der Fahrer dann den Zug in einem
bisher völlig ungewohnten Tempo über die Gleise. Sollte mir
recht sein, beizeiten in Havanna anzukommen um mich mit DET
im "Dos Hermanos" zu treffen. Das ist die Hafenkneipe gleich
gegenüber der Fähranlegestelle. Leider ebenfalls eine
Dollarbar, und demzufolge mit der selben betrügerischen
Masche. Nachdem der Fettwanst hinterm Tresen dann den
korrekten Bierpreis zähneknirschend akzeptierte, hat er am
Ende doch tatsächlich noch versucht, bei der Abrechnung zu
bescheißen. Aber nur versucht!
Die Fahrt wurde immer schneller, der Fahrer drückte auf die
Tube wie vom wilden Affen gebissen. Gleich springt der Zug
aus den maroden Gleisen, war mein Gedanke. Doch das geschah
nicht. Dafür etwas anderes.
Kurz vor Guanabacoa plötzlich ein rumpeln, dann ein Knall
und der Zug stand. In diesem Moment sah ich aus dem
Augenwinkel heraus einen dicken Brocken aus Richtung
Triebwagenende neben meinem Fenster vorbeisausen und im Gras
aufschlagen. Und dann anschließend im Gestrüpp verschwinden.
Wie sich bald herausstellte, muss es wohl das Gewicht vom
Stromabnehmer gewesen sein. Das hatte sonst immer hinten
runtergebaumelt und auch ab und zu mal gegen die Karosserie
und sogar gegen die Heckscheibe geschlagen, diese aber wie
durch ein Wunder nie zertrümmert.
Nun ohne Gegengewicht hatte der Stromabnehmer keinen Druck
mehr gegen die Leitung. Der Fahrer versuchte zwar
weiterzuruckeln, aber außer ein paar Abrissfunken erzielte
er kein Ergebnis.
Jetzt schlug die Stunde der Ingenieure. Erstaunlich, wie
viele Fachleute auf so einem Vorstadtzug anwesend ist.
Selbst ein Polizist mit Pistole gehört zum Personal. Zwei
von den vier Experten begannen, sich Handschuhe anzuziehen
und aufs Dach zu klettern. Gebrülle hin, Kommandos her.
Schraubenschlüssel, Hammer, alles hantierte herum. Dann
Probelauf nach 10 Minuten werkeln. Nichts. Noch mal hin und
her. Nach 20 Minuten dann der erste erfolgreiche Versuch.
Die letzten 200 Meter bis zur nächsten Haltestelle ging es
dann wenigstens im Schneckentempo vorwärts. Es folgten noch
ein paar kurze Kommandos und die Fahrt setzte sich zügig
fort, aber nicht mehr mit so einem Affenzahn, da sich in dem
Chauffeur wohl ein Lernprozess vollzogen hatte.
Weiter ging es dann bis zur Endstelle Casa Blanca, vorbei an
all den fürchterlichen Elendshütten, die mitunter nicht mal
zwei Meter vom Bahngleis entfernt stehen. Als ich mich
zufällig während der Fahrt noch mal umdrehte, sah ich an
Stelle des Ausgleichsgewichtes einen der Experten mit beiden
Armen fest am Seil baumeln. Soll mal einer sagen, Kubaner
sind nicht erfinderisch.
Carola
Klingt wie ein Mädchen, doch sie kam bereits 1948 zur Welt.
Beim bloßen Anblick von Carola würde jedem Manne sofort ein
Ei aus der Hose fallen, jedenfalls wenn es sich bei ihm um
einen TÜV- Ingenieur handelt. Carola ist der Kosename für
einen Chevrolet, oder besser gesagt, das, was davon noch
nicht weggerostet ist. Dieser Oldtimer gehört einem jungen
Kubaner hier aus dem Dorf. Und jener ist auch ein bisschen
"loco". Hat mir angeboten, für ganz kleines Geld nach
Havanna zu chauffieren. Das passte mir ganz gut, da ich
ohnehin mal auf den Markt in der 19. Ecke B wollte. Dort
bekommt man vieles, was es sonst nirgends zu kaufen gibt.
Sackweise Orangen, Kartoffeln, Eier und einiges mehr was
hier seit einiger Zeit nur noch mit "no hay" beantwortet
wird, sobald man danach fragt. Außerdem musste ich noch mal
zur Immigration, mein Visum verlängern lassen.
Los ging's ganz gut mit Carola. Schließlich hatten wir
schönes Wetter. Für Regen ist Carola nicht das richtige
Gefährt, weil sämtliche Scheiben fehlen. Nur die beiden
Sehschlitze vorn haben noch Glas aus der Zeit, als es noch
keine gebogenen Scheiben gab. Allerdings hat die Fahrerseite
ein faustgroßes Loch und einen Scheibenwischer, der aber
nicht funktioniert. Und die Bereifung ist Formel-eins
verdächtig. Nicht mehr die geringste Spur von Profil. Die
Tür immer vorsichtig schließen, weil sonst irgend ein
anderes Teil irgendwo abfällt. Kartoffelgroße Löcher in
sämtlichen tragenden Teilen gehören mittlerweile zur
Grundausstattung. Die Lenkung erinnert mich immer an meinen
alten 21-er Wolga. Halbe Drehung, bis etwas greift. Richtig
lustig wurde es dann bei dem Gewühl auf den Straßen von
Havanna. Plötzlich musste Carola gebremst werden. Fleißig
und ganz schnell vorpumpen, so an die 4-5 mal mindestens,
ehe sich das Gefährt dann verlangsamte und trotz gegenlenken
schließlich schräg auf der Kreuzung zum stehen kam.
Was der Virtuose am Lenkrad nicht bedacht hatte, war der
enorme Spritverbrauch innerhalb der Stadt. So kam, was
kommen musste. Auf der Rückfahrt bei Santa Fé war der Sprit
alle. Der Besitzer versicherte mir, dass seine geliebte
Carola sonst mit 6 Litern Havanna und zurück schafft. Und er
hatte schon extra 12 Liter getankt! Welch Voraussicht. Dann
begann das beliebte Spiel: Wer füllt mir Benzin ab? Die LKW
nicht, die haben alle nur Diesel. Flugs ging der Chauffeur
in die Spur und stieg in einen Kleinbus ein, samt Kanister.
Nach einer halben Stunde war er auch schon wieder da.
Allerdings ohne Benzin. Als nächstes hat er einen
Sattelschlepper angehalten und diskutiert, ist dort
eingestiegen. Ich hab mir derweil die Zeit vertrieben und
Straßenbauarbeitern zugesehen. Insgesamt waren fünf am
arbeiten. Einer mit der Spitzhacke, ein anderer mit der
Schaufel und drei mit der Schnapsflasche. Nach etwa einer
weiteren Stunde kam dann der Meister aus Richtung Havanna
zurück. Diesmal mit Sprit. Ganze 3 Liter. Aber die haben in
der Tat bis nachhause gereicht. Und das sogar, obwohl der
Vergaser von dem den Dreck aus dem Tank durchs leer fahren
ziemlich verstopft war. Zur Weiterfahrt wurde deshalb
kurzerhand der Luftfilter abgehoben. Dass dieser keine
Schrauben mehr hatte, versteht sich von selbst.
TÜV auf kubanisch
Schlechte Aussichten für Carola und deren Artgenossen. Denn
seit einigen Tagen wird im Fernsehen eine Großkampagne
angekündigt. Den rollenden Schrotthaufen soll's an den
Kragen gehen. Ab Montag, 8. April beginnt der Umtausch
sämtlicher Autokennzeichen für privat zugelassene PKW. Das
neue Schild soll dann blau aussehen. Der Sprecher im
Fernsehen betonte, dass man ein Mindestmaß an Sicherheit
garantieren wolle. Nur derjenige erhält ein neues
Nummernschild, bei dessen Auto die Bremse, die Lenkung und
die Elektrik funktionieren. Von Rost in tragenden Teilen war
nicht die Rede. Somit bleiben uns wohl die meisten der
beliebten Ami- und Russenmöhren noch ein Weilchen erhalten.
Bis zur nächsten Schilder- Umtauschaktion. Kleine runde
Aufkleber mit Jahres- und Monatsangaben sind hier
offensichtlich noch nicht erfunden.
Geldtransfer mit Western Union
Es gibt sie wirklich in Cuba, die Western Union Bank,
vertreten mit einem relativ dichten Filialnetz. In Havanna
allein drei, davon eine im Einkaufszentrum "Carlos III" eine
weitere im Kaufhaus "Ultra". Dabei hatten wir immer
geglaubt, dass Kuba keine Verbindung mit Amibanken pflegt.
Aber dieses Argument trifft wohl nur zu, wenn Tourist
Normalverbraucher am Schalter mit seinen American Express
Reiseschecks abgewimmelt wird.
Der Geldtransfer bei Western Union funktioniert reibungslos
und perfekt. In Deutschland ist die Reisebank der
Vertragspartner. Filialen der Reisebank gibt's auf allen
Flughäfen und Bahnhöfen der wichtigsten Städte. Von dort aus
kann man jeder beliebigen Person an fast jeden Ort der Welt
Geld in Minuten senden. Und das funktioniert so. Der
Absender füllt bei Einzahlung ein Formular aus mit den Daten
des Empfängers und der Ortsangabe der Western Union
Bankfiliale. Danach erhält er eine Transaktionsnummer. Diese
sendet er per E-mail oder Telefon an den Empfänger. Dieser
wiederum begibt sich darauf zu der benannten Filiale und
füllt ebenfalls ein Formular aus mit der vollständigen
Adresse des Absenders und der Transaktionsnummer. Nach
erfolgter Identitätsüberprüfung bekommt er das Geld
ausgezahlt.
Der Empfänger zahlt keine Gebühren, der Einzahler von 500
Euro zum Beispiel muss 30 Euro drauflegen. Ausgezahlt wird
in Dollar oder jeweiliger Landeswährung.
Meiner Ansicht nach die schnellste, preiswerteste und
sicherste Methode, wenn man Geld ins Ausland versenden will.
Hat mir selbst schon mal sehr geholfen, als neulich in der
Dominikanischen Republik meine Kreditkarte plötzlich den
Dienst komplett verweigert hatte. Zum Glück hat man noch
Freunde in Deutschland. Beste Grüße an Tobias aus Leipzig.
Johnnie - el-loco-alemán
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