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"Möge sich Kuba der Welt
öffnen und die Welt sich
öffnen für Kuba!" (Papst Johannes Paul II., 21.Januar 1998)
Der Antikommunist im Land des Antichristen - die fünftägige Kubareise des Papstes im Januar 1998 steht unter besonderen Vorzeichen. Niemals zuvor hat Johannes Paul II. den kommunistischen Inselstaat besucht, und noch nie hat ein Papst eine Messe in dem Land abgehalten. Zustande gekommen war der Besuch auf Einladung des kubanischen Partei- und Regierungschefs Fidel Castro, dem der Papst im November 1996 erstmals eine Audienz gewährt hatte. Noch im Flugzeug auf dem Weg nach Havanna macht der Papst vor Journalisten klar, dass er versöhnlich aber bestimmt in Kuba auftreten will: "Der kubanische Präsident weiß genau, wer der Papst ist. Und wenn er ihn einlädt, heißt das, dass er sich vorher überlegt hat, was der sagen wird." Eine papsttypische Geste, das Küssen des Flughafenbodens nach der Ankunft, muss aus Gesundheitsgründen ausfallen: Um sich nicht bücken zu müssen, erwarteten ihn im Airport José Martin zwei kubanische Mädchen, die ihm Körbchen gefüllt mit Erde reichen - niederknien vor Castro braucht Johannes Paul II. also nicht. So bedeutend wie der Tod von Prinzessin Diana Etwa 3000 Journalisten lockt das historische Ereignis nach Kuba. Einige US-amerikanische Medienvertreter kehren allerdings vorzeitig nach Hause zurück: Als angebliche Enthüllungen über eine neue Sex-Affäre des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton bekannt werden, hat das Treffen der "Giganten des Jahrhunderts" ("Time") zumindest bei CBS, ABC und NBC das Nachsehen. Dabei hatten die US-amerikanischen Fernsehproduzenten zuvor noch von der "wichtigsten internationalen Geschichte seit dem Tod von Prinzessin Diana" gesprochen. Zehntausende Kubaner wollen jedenfalls beim ersten Gottesdienst des Papstes in Santa Clara dabei sein; bereits am Morgen strömen sie in das Fußballstadion der 300 Kilometer östlich von Havanna gelegenen Stadt. Betriebe und Schulen bleiben geschlossen, da die Regierung extra einen Feiertag ausgerufen hat. Jeder soll den Papst sehen können - wenn nicht vor Ort, dann wenigstens im kubanischen Fernsehen, das die Veranstaltung live überträgt. Papst Johannes Paul II., der sichtlich unter der schweren Hitze leidet, wettert mit brüchiger Stimme gegen Abtreibung, Arbeitslosigkeit und Armut - und begeistert die Kubaner, von denen viele zum ersten Mal in ihrem Leben eine Messe besuchen. Nur fünf Prozent der kubanischen Bevölkerung gelten als praktizierende Katholiken. Mit dem Papstbesuch, dies wird schnell klar, könnte die katholische Kirche in Kuba ein ungeahntes Comeback erleben. Der Besuch stehe für "eine wahrhafte Erneuerung des Glaubens", sagt der Kardinal von Havanna, Jaime Ortega. "Wichtig ist, dass er mir die Wahrheit sagt." Indem der Papst den Schwangerschaftsabbruch als "abscheuliches Verbrechen" bezeichnet, kritisiert er indirekt die Familienpolitik der Regierung Castro. Abtreibungen sind in Kuba bis zur zehnten Schwangerschaftswoche legal und werden weithin als Form der Verhütung gesehen. Auch mit seinem Aufruf zur Zusammenführung von Familien, die durch die Emigration getrennt wurden, und seine Kritik an der prekären wirtschaftlichen Situation vieler Familien weist er auf die politischen Probleme des kommunistischen Landes hin. "Kuba: Kümmere dich um deine Familien, um dein Herz reinzuhalten", fordert Johannes Paul II. Die Familie und nicht der Staat müssten bei der Erziehung der Kinder die zentrale Rolle spielen. Direkt angreifen will der Papst Castro aber weder in seinen Predigten noch im persönlichen Gespräch. Dafür hatte er noch im Flugzeug gesagt, was er sich vom Revolutionsführer am meisten erhoffe: "Dass er mir die Wahrheit sagt." Antiimperialistische Propaganda wie im Kalten Krieg Fidel Castro dagegen hat anderes vor: Er nutzt den Gipfel der beiden alten Recken zu einem verbalen Großangriff gegen den Kapitalismus im Allgemeinen und die USA im Besonderen. Zwar hat er zum ersten Mal bei einem Auftritt in Kuba seinen olivgrünen Kampfanzug im Schrank gelassen und gegen einen modischen Zweireiher getauscht - dafür greift er sprachlich ziemlich daneben. Die Imperialisten wie Spanien und die USA hätten auf Kuba gewütet und einen "Holocaust" verursacht. Castro spricht von "Konzentrationslagern" und dem amerikanischen Versuch eines "Genozids" mit Hilfe von Sanktionen. An den Papst gerichtet sagt Castro: "Sie, als Sohn Polens und Zeuge von Auschwitz, können das besser als alle anderen verstehen." In seiner Erwiderung hält Johannes Paul II. trotz dieser Castro-Entgleisungen stets am pastoralen Ton fest. Zugleich äußert er aber auch vorsichtige Kritik. "Möge sich Kuba, mit seinem ganzen großartigen Potenzial, der Welt öffnen und die Welt sich öffnen für Kuba!", beschwört der Pontifex die kubanische und die amerikanische Staatsführung zugleich. Aber Johannes Paul II. hat auch konkrete Forderungen. So legt er dem kubanischen Staatschef eine Liste mit den Namen politischer Gefangener vor, um deren Freilassung er nachdrücklich bittet. Mit Erfolg: Die Regierung amnestiert wenige Wochen später Hunderte Inhaftierte, darunter auch viele politische Gefangene. Die Stimme des Papstes findet Gehör - weltweit Auch die USA können sich dem positiven Papst-Effekt nicht entziehen: Präsident Bill Clinton sagt, er erhoffe sich von der Reise Johannes Pauls II. einen Richtungswechsel in der kommunistischen Regierung Kubas, damit eine Annäherung zwischen den USA und Kuba möglich werde. Zwei Monate nach dem Papstbesuch in Kuba setzt Clinton eine Lockerung des Handelsembargos gegen den ungeliebten Nachbarn durch - wenn auch mit der Betonung, von der restriktiven Gesamtlinie nicht abweichen zu wollen. Eine Stärkung der Opposition und gar die Antizipation eines Regimewechsels, für die der legendäre Papstbesuch 1979 in Polen steht, bringt die Kubareise zwar nicht - Castro sitzt als Staatschef bis heute fest im Sattel. Dazu stockt der Annäherungsprozess zwischen Washington und Kuba seit dem Einzug George W. Bushs ins Weiße Haus. Aber gerade auch Bush hat im Vorlauf zum zweiten Irakkrieg erfahren, wie wichtig und wie entschieden das Oberhaupt der katholischen Kirche sprechen kann. Dabei muss der schwerkranke Johannes Paul II. nicht unbedingt beschwerliche Reisen auf sich nehmen, um der internationalen Politik seinen Stempel aufzudrücken. Bush holte sich den Korb des Kriegsgegners im Vatikan persönlich in Rom ab. Der Papst ist immer noch in politischer Mission unterwegs und findet immer Gehör - zu Hause und in der Welt. |
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